Euphorien: Die Freude, man selbst zu sein, im Körper, im Geschlecht und in der Sexualität
Tiffany Jones, 2023
Die Wissenschaft hat LGBTQ+-Menschen jahrzehntelang durch den Schmerz untersucht: über Mobbing, Diagnosen und Dysphorie. Tiffany Jones stellte eine andere Frage und befragte mehr als zweieinhalbtausend Menschen: Wann fühlen sie sich in ihrem Körper, ihrem Geschlecht und ihrer Sexualität gut? Heraus kam eine Landkarte der Euphorien, vom richtig ausgesprochenen Namen bis zur Liebe zum eigenen Körper, die man lernen kann.
Für wen
Für alle, die verstehen wollen, woher die Freude kommt, man selbst zu sein: im eigenen Körper und in der eigenen Identität. für LGBTQ+-Menschen, ihre Nahestehenden, Lehrkräfte und alle, die andere unterstützen möchten.
Zu viel Aufmerksamkeit für den Regen verhindert, dass man den Regenbogen sieht.
Wenn sich die Wolken für einen Moment lichten
Ein nichtbinärer Autor schreibt unter dem Namen Fury und beschreibt ein Gefühl, für das in der Wissenschaft lange kein Platz war. Geschlechtliche Euphorie ist, so Fury, einfach der Moment, in dem man gesehen wird: von einem anderen Menschen oder von sich selbst im Spiegel. Transgender Menschen erleben dieses Gefühl selten, deshalb fühlt es sich fast wie eine Offenbarung an. Die Wolken reißen auf, und für einen Moment stimmt alles.
Tiffany Jones, Professorin an der Macquarie University in Sydney, erforscht seit vielen Jahren, wie LGBTQ+-Menschen in Schulen und in der Medizin leben. Fast alles, was sie gelesen und gesammelt hatte, handelte vom Schmerz: von Mobbing, Diskriminierung, Diagnosen und Suizidgedanken. Die positive Psychologie versprach Erleichterung, nach Jones' Ansicht aber nur um den Preis, diese Schwierigkeiten zu leugnen. Sie brauchte einen anderen Blick: die Schwierigkeiten anerkennen, sie aber nicht zum einzigen Thema machen.
So entstand dieses Buch. Es beruht auf zwei großen Umfragen: 2407 LGBTQ+-Schülerinnen und -Schülern, Lehrkräften und Eltern aus australischen Schulen sowie 272 Menschen mit Intersex-Variationen, also mit angeborenen Besonderheiten der Geschlechtsmerkmale. Gefragt wurde nicht, was schmerzt, sondern wann sie sich in ihrer Identität oder in ihrem Körper gut gefühlt haben.
Im Folgenden erfährst du, wie diese guten Momente aussehen, die Jones Euphorien nennt, und woher sie kommen: von einem richtig genannten Namen, von Menschen, die zu dir gehören, von einem Ort, an dem man sich nicht verstecken muss, und von einem Körper, den man nicht mehr für einen Fehler hält. Das Buch handelt von LGBTQ+-Menschen und Menschen mit Intersex-Variationen, aber die Frage reicht weiter: Was hilft einem, sich im eigenen Körper zu Hause zu fühlen?
Der Smoking bei den Oscars und eine Forschung, die nur den Schmerz sah
2022 kam der Schauspieler Elliot Page im Smoking zur Oscar-Verleihung und nannte diesen Moment reine Freude. In transgender Gemeinschaften gibt es für solche Augenblicke das Wort „Euphorie“, das auf YouTube und TikTok aufgegriffen wurde. In der Wissenschaft hat es dagegen kaum Fuß gefasst.
Die Forschung hat jahrzehntelang etwas anderes in den Blick genommen. Zentraler Begriff wurde die Dysphorie, ein schweres Gefühl, das aus der Diskrepanz zwischen dem Geschlecht, das ein Mensch empfindet, und dem Geschlecht entsteht, das ihm bei der Geburt zugeschrieben wurde. Über die Dysphorie kamen transgender Menschen an medizinische Hilfe. Deshalb, schreibt Jones, hatten die Menschen das Gefühl, ihr Leiden übertreiben zu müssen, damit man ihnen zuhört.
Aber die Dysphorie erklärt nicht alles. Nicht alle transgender Menschen erleben sie, und manche erleben sie selten und nur am Rande. Nichtbinäre Menschen erkennen sich in den Skalen, mit denen man sie misst, oft nicht wieder. Ähnliche Gefühle kennen auch Menschen, deren Geschlecht mit dem bei der Geburt zugeschriebenen übereinstimmt: Manche junge Frauen empfinden sie in Bezug auf ihre Brust, bei manchen Männern hängen sie mit dem Druck männlicher Stereotype in Freundschaften zusammen. Viele finden Erleichterung in einfachen Dingen: in der Selbstakzeptanz, einem anderen Namen, den Pronomen, der Kleidung.
Eine kleine Studie, in der 47 Menschen ihre eigene Euphorie beschrieben, lieferte eine genaue Definition: ein freudiges Gefühl, im eigenen Geschlecht oder Körper richtig zu sein. Die Teilnehmenden nannten solche Momente kleine leuchtende Durchbrüche. Jones schlägt vor, von Euphorien im Plural zu sprechen: Es handelt sich nicht um einen einzigen Zustand, sondern um eine ganze Familie guter Erlebnisse, deren Quellen jeweils verschieden sind.
Dabei idealisiert Jones die Freude nicht. Sie stützt sich auf die Forscherin Sara Ahmed, die gezeigt hat, dass Glück oft als Belohnung für Anpassung dient. Nahestehende sagen: Zieh das nicht an, triff diesen Menschen nicht, man wird dich mobben, wir wollen doch nur, dass du glücklich bist. Solche Fürsorge kann einen Menschen davon abhalten, sein eigenes Leben zu leben. Deshalb hebt Euphorie in diesem Buch die Schwierigkeiten nicht auf und muss die Dysphorie nicht „heilen“. Sie ist nur eine weitere Möglichkeit, einen Menschen zu sehen, neben der Diagnose.
Über den Autor
Tiffany Jones ist Professorin an der School of Education der Macquarie University in Sydney. Sie erforscht die Erfahrungen von LGBTQ+-Menschen und Menschen mit Intersex-Variationen in Schulen und in der Medizin. Das Original erschien bei Springer (Palgrave Macmillan) als Open Access unter der Lizenz CC BY 4.0. Hier ist es mit Kürzungen und Änderungen nacherzählt.
Alle Bücher des Autors: Tiffany Jones
Begriffe aus dem Buch
- Page
- nichtbinär: Über einen Menschen, dessen Geschlecht sich nicht auf die Einteilung in nur Männer und Frauen beschränkt.
- Fury: Nichtbinärer queerer Autor, dessen Worte über die geschlechtliche Euphorie das Buch eröffnen. Der Text erschien 2019 in der australischen Zeitschrift Star Observer.
- LGBTQ+: Abkürzung für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender und queere Menschen. Das Plus zeigt, dass die Vielfalt damit nicht erschöpft ist. Wo im Buch auch Menschen mit Intersex-Variationen gemeint sind, schreibt Jones LGBTIQ+.
- Intersex: Sammelbegriff für Menschen, die mit untypischen Geschlechtsmerkmalen geboren werden: Besonderheiten der Chromosomen, der Hormone, der Hormonempfindlichkeit oder der Anatomie. Es gibt mehr als vierzig solcher Variationen.
- Euphorie: In diesem Buch ein gutes Erleben, das mit dem Körper, dem Geschlecht oder der Sexualität eines Menschen zu tun hat, oft mitten in schwierigen Umständen. Jones spricht von Euphorien im Plural, weil es sie in verschiedenen Arten gibt.
- Dysphorie: Ein schweres Erleben wegen der Diskrepanz zwischen dem Geschlecht, das ein Mensch fühlt und ausdrückt, und dem, das ihm bei der Geburt zugeschrieben wurde. Der Begriff wird in der Medizin verwendet, auch im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM.
- transgender: Über einen Menschen, dessen Geschlecht nicht dem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht entspricht.
- Pronomen: Die Wörter, mit denen man in der dritten Person über einen Menschen spricht, etwa „er“, „sie“ oder neutrale Formen. Die Bitte, einen Menschen mit den gewählten Pronomen anzusprechen, ist ein häufiges Thema in den Geschichten der Teilnehmenden.
- Ahmed: Sara Ahmed, britisch-australische Forscherin für Kultur und Emotionen, Autorin von „The Promise of Happiness“ (2010). Jones stützt sich auf ihren Gedanken, dass Glück in der Gesellschaft oft als Belohnung für Anpassung an die Norm dient.
- Dervin: Pseudonym des fünfzehnjährigen Teilnehmers der Umfrage LGBTQ+ You, eines transgender Jungen aus einer religiösen Schule im Bundesstaat Victoria.
- Chloe: Pseudonym der sechzehnjährigen Teilnehmerin der Umfrage LGBTQ+ You, deren Geschichte das Kapitel über Jugendliche eröffnet.
- Asexualität: Fehlen oder Schwäche des sexuellen Verlangens nach anderen Menschen. Ein asexueller Mensch kann dennoch romantische Beziehungen wollen und führen.
- Giovanni: Pseudonym des sechzehnjährigen bisexuellen nichtbinären Teilnehmers der Umfrage LGBTQ+ You an einer staatlichen Schule in Südaustralien.
- Wear it Purple: Ein australischer Tag im August, an dem Menschen violette Kleidung oder Dinge tragen, um das Recht von LGBTIQ+-Menschen auf Schutz vor Diskriminierung zu unterstützen, besonders in Schulen.
- Jaren: Pseudonym eines nichtbinären Lehrers aus New South Wales, Teilnehmer der Umfrage LGBTQ+ You.
- queer: Oberbegriff für Menschen, deren Sexualität oder Geschlecht nicht der Norm der Mehrheit entspricht. Viele verwenden das Wort als Bezeichnung für sich selbst.
- Kane: Pseudonym des vierzehnjährigen bisexuellen nichtbinären Teilnehmers der Umfrage LGBTQ+ You.
- Homophobie: Abneigung, Angst oder Vorurteile gegenüber homosexuellen Menschen. Als innere Homophobie bezeichnet man ein solches Vorurteil, das ein LGBTQ+-Mensch selbst verinnerlicht hat und gegen sich selbst richtet.
- Pina: Pseudonym einer Teilnehmerin der Umfrage LGBTQ+ You, Mutter einer Grundschülerin in Queensland.
- Gaston: Pseudonym eines Teilnehmers der Umfrage LGBTQ+ You, eines transgender Vaters eines Grundschülers in New South Wales.
- Ania: Pseudonym einer Lehrerin aus Sydney, Teilnehmerin der Umfrage LGBTQ+ You.
- Leilani: Pseudonym einer Grundschullehrerin aus New South Wales, Teilnehmerin der Umfrage LGBTQ+ You.
- Lily: Pseudonym einer Teilnehmerin der Intersex-Umfrage, die von Geburt an keine Vagina hat (Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom).
- Fernanda: Pseudonym einer fünfundzwanzigjährigen Teilnehmerin der Intersex-Umfrage mit partieller Androgenunempfindlichkeit.
- Edwina: Pseudonym einer siebenundzwanzigjährigen Teilnehmerin der Intersex-Umfrage, die wie Lily von Geburt an keine Vagina hat.
- Chris: Pseudonym eines vierundvierzigjährigen Teilnehmers der Intersex-Umfrage mit dem Chromosomensatz 47,XXY.
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