The Psychology of the Stock Market
George C. Selden, 1912
Warum kauft die Menge ganz oben und verkauft ganz unten? Im Jahr 1912 schrieb der Statistiker und Finanzjournalist George C. Selden eines der ersten Bücher über die Psychologie des Marktes. Er zeigte, dass Kurse nicht nur von Fakten bewegt werden, sondern auch von Hoffnungen, Ängsten und Argwohn. Du erfährst, wie deine eigene Position unbemerkt das Urteil ersetzt und was Selden rät, damit der Kopf klar bleibt.
Für wen
Für alle, die Entscheidungen treffen, bei denen etwas auf dem Spiel steht, und die merken, dass die Gründe immer zu dem passen, was sie sich ohnehin wünschen.
Viele scheinen zu glauben, dass uns die Logik gegeben ist, um unsere Wünsche zu stützen.
Ein Café, in dem alle einander überlistet haben
New York, Anfang des letzten Jahrhunderts, ein Café neben der Börse. Ein professioneller Spieler erzählt einem anderen, dass er sich entschieden hat und seine Aktien zurückkaufen will. Er hat Aktien verkauft, die er gar nicht besaß, in der Hoffnung, sie später billiger zu bekommen. Das ist ein Leerverkauf. Er schließt das Geschäft, weil es auf dieser Seite, wie er sagt, zu eng geworden ist. Offenbar setzen alle auf fallende Kurse.
Der Zweite antwortet, dass alle genauso denken. Jeder hat zurückgekauft, weil er glaubte, die anderen würden verkaufen. Der Markt steigt kaum, also gibt es offenbar keine Verkäufer mehr, und bald kommt der nächste Rückgang. Der Erste hält dagegen: Das sagen alle, und alle haben schon wieder verkauft, weil sie glauben, die anderen hätten zurückgekauft. Selden merkt an, dass diese geschickten Denkakrobaten sich ewig so weiterdrehen können, ohne je einen Punkt zu finden, an dem sie anhalten.
George C. Selden, ein Statistiker und Finanzjournalist, veröffentlichte dieses Buch 1912. Er war überzeugt, dass kurze und mittlere Kursbewegungen stark von der Stimmung der Marktteilnehmer abhängen. Er stellte zwei Fragen: Wie die Stimmung der Menge die Kurse bewegt und wie die eigenen Hoffnungen und Ängste, die Zaghaftigkeit und der Starrsinn einen einzelnen Menschen behindern.
Das ist ein Markt von vor hundert Jahren und die Beobachtungen eines einzelnen Autors, keine Studie und kein Finanzrat. Seine zweite Frage betrifft aber jede Entscheidung, bei der etwas auf dem Spiel steht: die Arbeit, einen Kauf, einen Streit. Wo es um den Alltag geht, ist das eine Anwendung seiner Ideen und kein Rat von ihm. Wir beginnen damit, wie die Menge immer wieder genau im falschen Moment an den Markt kommt.
Warum die Menge ganz oben kauft
Selden beschreibt einen Kreislauf, der sich Jahr für Jahr wiederholt. Zuerst die Flaute: Die Kurse bewegen sich kaum, das Publikum interessiert sich nicht. Dann steigen sie langsam, und alle halten das für vorübergehend. Das Publikum wartet auf einen Rücksetzer, um billiger zu kaufen. Der Rücksetzer kommt aber nicht, und wenn er doch kommt, wirkt der Markt zu schwach für einen Kauf.
Die Spieler, die auf fallende Kurse setzen, halten so lange durch, wie sie können. Doch die Nerven halten die täglichen Schläge nicht aus, und sie kaufen alles zurück, zu jedem Preis, erleichtert, dass der Verlust nicht größer ist. Da entscheidet das Publikum, dass der Markt zu stark ist, um zu fallen, und kauft, ohne auf den Preis zu achten. Die großen Halter und die ruhigen Anleger verkaufen ihm in dieser Zeit ihre Aktien. Dann zuckt der Markt nach unten, alle nennen es einen gesunden Rücksetzer, und Selden fragt ironisch, für wen er gesund sei. Der Fall geht schneller als der Anstieg und endet wieder in einer Flaute.
Selden fasst zusammen: Das ist eine Geschichte von Hoffnungen und Ängsten. Die Menschen beurteilen den Markt nach ihrer eigenen Lage darin, nicht nach nüchterner Einschätzung, und übertragen, was sie heute sehen, auf eine unbekannte Zukunft.
Dazu kommt eine einfache Rechnung. Auf dem Markt wird die Meinung in Dollar gemessen, nicht in Köpfen. Ein Mensch mit einer Million hat doppelt so viel Gewicht wie fünfhundert Menschen mit je tausend. Der Mensch mit der Million schweigt, für ihn spricht das Geld. Tausend kleine Spieler reden dagegen viel, und unter ihnen sind die, die über den Markt schreiben. Deshalb kauft die laute Mehrheit zwangsläufig ganz oben: Irgendjemand muss ihr die Aktien ja verkauft haben.
Das gleicht Gästen, die zu einer Feier kommen, wenn die Gastgeber schon den Tisch abräumen. Das ist ein Bild von Livria, nicht vom Autor. Wenn du mitmachen willst, weil alle schon dabei sind, frag dich, wer auf der anderen Seite des Geschäfts steht.
Über den Autor
George C. Selden war ein amerikanischer Statistiker und Finanzjournalist. Er arbeitete an der Columbia University und in der Redaktion des Magazins The Magazine of Wall Street. Er schrieb über Konjunkturzyklen und darüber, was den Markt antreibt.
Alle Bücher des Autors: George C. Selden
Begriffe aus dem Buch
- Smith
- Morgan
- Dividende
- Jones
- Rockefeller
- zurückkaufen: Einen Leerverkauf schließen: Aktien kaufen, die man vorher ohne Deckung verkauft hat, und sie zurückgeben. Ist der Kurs gestiegen, verliert man dabei Geld.
- Leerverkauf: Ein Geschäft auf fallende Kurse: Der Spieler verkauft Aktien, die er nicht besitzt, und will sie später billiger zurückkaufen. Steigt der Kurs stattdessen, verliert er.
- Rücksetzer: Ein vorübergehender Kursrückgang mitten in einem allgemeinen Anstieg.
- Hardy: Arthur Sherburne Hardy, amerikanischer Diplomat, früher Professor für Mathematik und Autor von Büchern über Quaternionen und Differentialrechnung.
- Einpreisung: Hier: Die Kursbewegung kommt vorweg, in Erwartung eines Ereignisses. So nennt Selden es, wenn der Markt eine Nachricht schon einpreist, bevor sie offiziell wird.
- Bryan: William Jennings Bryan (1860–1925), amerikanischer Politiker, der dreimal für das Präsidentenamt der Demokratischen Partei antrat: 1896, 1900 und 1908, und alle drei Male verlor.
- Talleyrand: Charles Maurice de Talleyrand (1754–1838), französischer Diplomat und Außenminister, bekannt für seine scharfen Bemerkungen.
- Bradstreet: Eine amerikanische Agentur für Wirtschaftsinformationen. Selden nutzt ihre Daten für einen Preisindex, an dem man sieht, wie alles teurer wird.
- Staffelorders: Übersetzung von Seldens scale orders: im Voraus erteilte Aufträge, bei jedem Kursrückgang um einen festen Schritt zu kaufen oder bei jedem Anstieg zu verkaufen.
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