Die Yoga-Sutras des Patanjali
Patanjali, kommentiert von Swami Satchidananda, 1978
Warum lassen dir deine Gedanken keine Ruhe, selbst wenn draußen alles in Ordnung ist? Der uralte Text von Patanjali antwortet darauf in hundertsechsundneunzig kurzen Sprüchen, und Swami Satchidananda, der Woodstock eröffnete, erklärt sie in einfachen Worten. Du erfährst, woher die Unruhe des Geistes kommt, was die acht Stufen des Yoga sind und warum die Körperhaltung darin erst die dritte ist.
Für wen
Für alle, die Yoga üben und verstehen wollen, worauf Yoga beruht. Und für alle, die noch nie auf einer Matte standen, aber den Lärm im eigenen Kopf satthaben.
Es hat keinen Sinn, an hundert Stellen flache Brunnen zu graben. Wähle eine Stelle und grabe tief.
Der Mönch, der Woodstock eröffnete
Am fünfzehnten August 1969 tauchte über einer Farm im Bundesstaat New York ein Hubschrauber auf. Ein indischer Mönch in orangefarbenen Gewändern, mit langem Haar und Bart, stieg aus und ging auf die Bühne des Festivals Woodstock. Vor ihm standen etwa vierhunderttausend junge Menschen. Die Veranstalter hatten ihn eingeladen, um dem Festival einen friedlichen Ton zu geben. Der Mönch sagte, Musik sei ein himmlischer Klang und mit ihr könne man Wunder bewirken. Sein Name war Swami Satchidananda.
Satchidananda wurde 1914 im Süden Indiens geboren. Viele Jahre lang war Swami Sivananda aus Rishikesh sein Lehrer, und 1966 kam Satchidananda nach New York. Dort gründete er eine Schule mit dem Namen Integraler Yoga. Sie verbindet Übungen für den Körper mit der Arbeit am Geist, und ihr Leitsatz lautet: Die Wahrheit ist eine, die Wege sind viele. 1978 erschien sein Hauptwerk: der uralte Text von Patanjali mit dem Original in Sanskrit, einer Übersetzung und einem Kommentar. Der Kommentar ist aus einfachen Gesprächen mit Schülern entstanden und liest sich deshalb leicht.
Über Patanjali selbst ist fast nichts bekannt: Die Gelehrten streiten sogar darüber, in welchem Jahrhundert er lebte. Seine „Yoga-Sutras“ sind hundertsechsundneunzig kurze Sprüche, aufgeteilt in vier Teile. Jedes Sutra besteht aus wenigen Wörtern, und ohne Erklärung sind viele davon nicht zu verstehen.
Was an diesem Buch am meisten überrascht: Über Körperhaltungen steht darin fast nichts. Yoga ist bei Patanjali eine Wissenschaft vom Geist. Sie erklärt, woher die Unruhe kommt, warum wir leiden und wie wir die Gedanken Schritt für Schritt beruhigen. Du erfährst, was die berühmten acht Stufen des Yoga sind, und siehst, wie die uralten Regeln in einem gewöhnlichen Tag wirken.
Warum man den Grund des Sees nicht sieht
Das zweite Sutra von Patanjali besteht aus vier Wörtern: „yogas chitta vritti nirodhah“. Satchidananda übersetzt es so: Yoga ist das Zügeln der Veränderungen des Geistes. Chitta ist der Geist als Ganzes, mit Gedanken, Erinnerung und Gefühlen. Vritti sind die Wellen, die ständig über ihn laufen. Nirodha ist ihre Beruhigung. Für einen aufmerksamen Schüler, schreibt Satchidananda, würde dieses eine Sutra genügen, denn alle übrigen erklären nur dieses eine.
Er erläutert es mit dem Bild eines Sees. Solange sich die Wasseroberfläche kräuselt, ist der Grund nicht zu erkennen. Wenn das Wasser ruhig wird, sieht man, was in der Tiefe liegt. Dieser Grund ist das wahre Selbst, das Patanjali den Sehenden nennt. Das nächste Sutra sagt: Dann ruht der Sehende in seiner eigenen Natur. Zu allen anderen Zeiten, fügt das vierte hinzu, nimmt er gleichsam die Form der Wellen an.
Daraus folgt ein einfacher Gedanke. Wenn du sagst „Ich bin wütend“ oder „Ich bin verzweifelt“, setzt du dich mit einer Welle gleich. Doch eine Welle ist eine Bewegung des Wassers, nicht das Wasser selbst.
Satchidananda zitiert ein Sprichwort aus dem Sanskrit: Wie der Geist, so der Mensch; Bindung und Befreiung liegen in deinem Geist. Deshalb kümmert sich Yoga wenig darum, die äußere Welt umzubauen. Wenn du deinen Geist beherrschst, sagt er, beherrschst du alles, und in der Welt bleibt nichts, was dich binden könnte.
Über den Autor
Patanjali war ein altindischer Weiser und Verfasser der „Yoga-Sutras“; über sein Leben ist fast nichts bekannt. Swami Satchidananda (1914–2002) war ein indischer Yogalehrer, lebte ab 1966 in den USA und begründete den Integralen Yoga.
In Livria lesen