Abfuhr
Tony Tulathimutte, 2024
Ein junger Mann mit schmalen Schultern nimmt jede Abfuhr höflich hin und schickt danach lange Briefe hinterher. Eine Frau bewahrt das einzige freizügige Foto mit ihrem besten Freund in einem Album namens „loser“ auf. Ein schüchterner Mann schreibt zum ersten Mal auf, was er wirklich will. Ein Unternehmer verspricht einer Frau eine Zukunft mit fünf Milliarden Nachkommen. Und jemand namens Bee gibt sich als Tausende Menschen auf einmal aus. Sieben verbundene Geschichten von Tony Tulathimutte darüber, was Menschen tun, wenn man ihnen „Nein“ sagt.
Für wen
Für alle, die Gegenwartsliteratur lesen und vor unbequemen Themen nicht zurückschrecken. Für alle, die zu viel Zeit im Netz verbringen und das einmal von außen sehen wollen. Für alle, die schon einmal zurückgewiesen wurden.
Der Diskurs ist Einsamkeit, die sich als Krieg verkleidet.
Ein richtiges Date
Nacht im Studentenwohnheim. Ein junger Mann mit schmalen Schultern ist schon dabei, das Zimmer seiner Freundin zu verlassen, als er plötzlich seine eigene Stimme hört, beiläufig und ruhig. Er mag sie. Ob sie nicht mal zusammen ausgehen wollen, auf ein richtiges Date?
Die Freundin sagt „Oh“ und erklärt lange, dass sie das Gute zwischen ihnen nicht aufs Spiel setzen will. Er beeilt sich, sie zu beruhigen, witzelt über die Friendzone, und sie lachen und umarmen sich.
In seinem Zimmer legt er sich hin, seufzt, steht wieder auf und schreibt ihr einen langen Brief. Eine Stunde später einen zweiten. Einen Tag später, als immer noch keine Antwort gekommen ist, einen dritten.
So beginnt „Abfuhr“ von Tony Tulathimutte, ein Buch aus verbundenen Erzählungen, in dem fast jeder die Hand nach anderen Menschen ausstreckt und ein „Nein“ hört.
Der Feminist
In der Schule war er einer von fünf Jungen: Die private Mädchenschule hatte kurz vor seiner Aufnahme auf gemischte Klassen umgestellt. Seine Freundinnen sagten, er sei für einen Jungen erstaunlich aufmerksam.
Im College wiederholt sich die Szene aus dem Wohnheim noch vier- oder fünfmal, mit anderen Frauen. Auf der Datingseite schneidet er auf den Fotos seine Schultern ab. Eine Frau verlässt das Date, während er auf der Toilette ist.
Mit einunddreißig lädt er selbst die Frau in eine Bar ein, die er in der Oberstufe zurückgewiesen hat. Beim dritten Whiskey stößt sie einen fremden Billardqueue zu Boden, der ihr vors Gesicht geraten ist. Er fragt, ob er sie küssen darf. Sie antwortet: „Äh, nein.“ Er fragt, warum. Sie stößt ihn zu Boden und lacht laut: „Trägst du etwa Schulterpolster?“
Auf einem Picknick hat sein Freund, der agender ist, genug davon, ihm zuzuhören, und schreibt später unter dem Namen @madonnaharaway über Männer, die ihren Feminismus herausposaunen, um Macht über Frauen zu bekommen. Dann Steroide. Nach seinem vierzigsten Geburtstag tritt er auf dem Gehweg gegen einen Kinderwagen und rennt lachend davon. Dann Krankheit und Foren für schmalschultrige Männer, in denen er Moderator ist. Ein dreiundzwanzigjähriger Neuling schreibt den Forenmitgliedern: „Ihr macht alles nur noch schlimmer.“ Er antwortet mit einem riesigen Post darüber, dass die Frauen ihnen das Leben gestohlen haben. Keine Antwort. Worte, beschließt er, sind ohne Taten nichts wert.
Einige Wochen später steht er im Windfang seines früheren Lieblingsrestaurants. Hinter ihm kommt eine junge Frau in einer gelben Rüschenbluse herein. Er hält ihr die Tür auf, sie bedankt sich, er nickt höflich. Dann zieht er eine Skimaske über, nimmt den Rucksack von den schmalen Schultern und geht ihr nach.
Über den Autor
Der thailändisch-amerikanische Schriftsteller Tony Tulathimutte hat den Roman „Private Citizens“ (2016) und den Erzählband „Rejection“ (2024) geschrieben. Seine Texte erschienen in The Paris Review, n+1, The Nation und The New York Times. Er wurde mit dem O. Henry Award und dem Whiting Award ausgezeichnet. In Brooklyn leitet er die Schreibklasse CRIT.
Alle Bücher des Autors: Tony Tulathimutte
Begriffe aus dem Buch
- Friendzone: Vom englischen friend zone: die Lage, wenn der Mensch, in den man verliebt ist, nur Freundschaft anbietet. Der agender Freund des Helden nennt den Begriff einen sexistischen Trick, mit dem Verlierer den Frauen die Schuld an ihrer eigenen Unattraktivität geben.
- agender: Ein agender Mensch ordnet sich keinem Geschlecht zu. So beschreibt sich der Freund des Helden aus der ersten Erzählung.
- Coming-out: Das offene Bekenntnis zur eigenen sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Kant macht es mit einer einzigen Mail, die er an Freunde, Familie und Kollegen schickt.
- Ahegao: Eine Grimasse aus japanischen Animes und Mangas: verdrehte, schielende Augen, herausgestreckte Zunge. Kant bittet Julian, sie nachzumachen.
- Omakase: Ein japanisches Essen, bei dem der Koch die Gerichte selbst auswählt. Max führt Alison zu einem Omakase für zweihundert Dollar aus.
- Blackpill: Netzjargon: der hoffnungslose Glaube, dass einem einsamen Mann nichts mehr hilft und die Frauen daran schuld sind.
- Shitpost: Ein absichtlich sinnloser Beitrag, nur zum Lachen. Bee hält ihn für das Beste am Internet: Selbstausdruck ohne das Selbst.
- Botgate: Ein erfundener Internetskandal aus der Erzählung „Hauptfigur“: Tausende Accounts, hinter denen vielleicht ein einziger Mensch steckt.
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