Psychopathen. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann
Kevin Dutton, 2012
Was haben ein Neurochirurg, ein Elitesoldat und ein Serienmörder gemeinsam? Der Psychologe Kevin Dutton zeigt, dass die Furchtlosigkeit, der Charme und die Kaltblütigkeit eines Psychopathen zerstören, aber auch retten können. Das Buch erklärt, welche dieser Eigenschaften du ein wenig hochdrehen solltest und warum die eigentliche Kunst darin liegt, sie rechtzeitig wieder herunterzuregeln.
Für wen
Für alle, die zu lange zögern, Angst vor Ablehnung haben und in Sorgen um die Zukunft versinken, und für alle, die wissen wollen, was ein Chirurg mit einem Elitesoldaten und ein Mönch mit einem Psychopathen gemeinsam hat.
Das Problem mit Psychopathen ist nicht, dass sie zu viel Böses in sich tragen. Seltsamerweise ist es genau umgekehrt: Sie haben zu viel von etwas Gutem.
Ein Kalender ohne Januar
London, der Markt in der Petticoat Lane. Der zehnjährige Kevin Dutton hilft seinem Vater, einen Posten Terminkalender zu verkaufen, und merkt plötzlich, dass sie nur elf Monate haben. „Die kann man nicht verkaufen, da fehlt der Januar!“ Der Vater lässt sich nicht beirren und ruft den Kunden zu: „Einmalige Gelegenheit: ein Kalender für elf Monate!“ Der ganze Posten geht weg.
Dutton hat seinen Vater nie in Panik oder außer Fassung erlebt. Als Psychologe in Oxford sagt er es später geradeheraus: Sein Vater war ein Psychopath, charmant, furchtlos und rücksichtslos, auch wenn er nie Gewalt anwandte.
Beim Wort „Psychopath“ denken die meisten an den Killer aus dem Film. Dutton zeichnet ein anderes Bild. Unser Angstsystem haben wir von Vorfahren geerbt, die von Raubtieren gejagt wurden, und heute springt es oft grundlos an, wie bei einem nervösen Fahrer, der den Fuß ständig über der Bremse hält. Der Autor vergleicht Psychopathie mit der Sonne: Eine hohe Dosis ist tödlich, eine maßvolle kann guttun. Verbrecher schönreden will er nicht.
Vor dir liegen sieben Kapitel darüber, was Chirurgen, Elitesoldaten, Sportler und sogar Patienten einer Hochsicherheitsklinik über Kaltblütigkeit wissen, und darüber, wie du dir ein wenig von dieser Kaltblütigkeit abschaust, ohne die Grenze zu überschreiten. Wir beginnen im Operationssaal.
Kein Etikett, sondern ein Mischpult mit Reglern
Einer der besten Neurochirurgen Großbritanniens, den Dutton Dr. Geraghty nennt, spricht hart über sich selbst: Mit den Menschen, die er operiert, hat er kein Mitgefühl. Im Operationssaal wird er zu einer kalten Maschine, denn Gefühle stören bei der Arbeit.
Dutton erklärt, dass Psychopathie die Menschen nicht in zwei Gruppen teilt. Sie ist eine Skala, und jeder hat darauf seinen Platz. Stell dir ein Mischpult in einem Tonstudio vor. Schiebst du alle Regler bis zum Anschlag hoch, kommt Lärm heraus, den niemand braucht. Ziehst du aber Furchtlosigkeit, Konzentration, Kaltblütigkeit und Belastbarkeit höher als den Rest, bekommst du vielleicht einen Chirurgen, der präziser schneidet als seine Kollegen.
Das bestätigt eine Studie von Belinda Board und Katarina Fritzon aus dem Jahr 2005. Sie verglichen Führungskräfte mit Patienten psychiatrischer Kliniken und mit Straftätern, die in einer Klinik untergebracht sind. Oberflächlicher Charme, Überzeugungskraft, Konzentration und ein Mangel an Mitgefühl kamen bei den Führungskräften sogar häufiger vor als bei den Straftätern. Der Unterschied lag woanders: Bei den Straftätern waren Impulsivität, Aggression und der Hang zum Gesetzesbruch stärker aufgedreht.
Daraus folgt die erste Erkenntnis. Statt zu fragen, ob jemand ein Psychopath ist oder nicht, hilft eher die Frage, welche Regler hochgezogen sind und in welcher Mischung. Das gilt auch für dich: Deine eigene Kaltblütigkeit oder Sturheit ist kein Schicksal, sondern eine Lautstärke, die du einstellen kannst.
Über den Autor
Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der Universität Oxford, Mitglied der Royal Society of Medicine und der Society for the Scientific Study of Psychopathy. Er hat außerdem ein Buch über blitzschnelles Überzeugen geschrieben, „Split-Second Persuasion“.
Alle Bücher des Autors: Kevin Dutton
Begriffe aus dem Buch
- Holmes
- Jamie
- Gefangenendilemma
- Danny
- Morris
- Petticoat Lane: Ein bekannter Straßenmarkt im Osten Londons.
- Psychopathie: Eine Persönlichkeitsstörung, bei der ein Mensch kaum Angst, Schuld oder Mitgefühl empfindet, aber oft charmant und kaltblütig ist. Laut Dutton trägt jeder psychopathische Züge in sich, nur in unterschiedlichem Maß.
- Geraghty: So nennt Dutton einen der führenden Neurochirurgen Großbritanniens. Den echten Namen verrät er nicht.
- Board: Belinda Board, britische Psychologin von der University of Surrey, die die Persönlichkeitszüge von Führungskräften untersucht hat.
- Fritzon: Katarina Fritzon, Psychologin von der University of Surrey, Mitautorin einer Studie von 2005 über die Persönlichkeitszüge von Führungskräften.
- Trolley-Problem: Ein Gedankenexperiment der Philosophie: Darf man einen Menschen opfern, um fünf zu retten? Die Variante mit der Weiche stammt von Philippa Foot, die mit der Brücke von Judith Jarvis Thomson.
- Fecteau: Shirley Fecteau, Forscherin aus Boston, die untersucht hat, wie das Gehirn von Menschen mit psychopathischen Zügen auf fremden Schmerz reagiert.
- kalte Empathie: Die Fähigkeit zu verstehen, was ein anderer fühlt, ohne dieses Gefühl selbst zu durchleben. Heiße Empathie bedeutet, mit ihm zu fühlen. Diese Unterscheidung geht im Buch auf den Harvard-Psychologen Joshua Greene zurück.
- William Brown: Ein Schiff, das 1841 von Liverpool nach Philadelphia fuhr und nach dem Zusammenstoß mit einem Eisberg sank.
- Rhodes: Francis Rhodes, Erster Offizier der „William Brown“. Er beschloss, das überladene Rettungsboot zu erleichtern.
- Broadmoor: Eine britische psychiatrische Hochsicherheitsklinik, in der einige der gefährlichsten Straftäter des Landes untergebracht sind.
- Griffiths: Dai Griffiths, britischer Polizist mit dreiundzwanzig Dienstjahren, ein Bekannter von Dutton.
- Cracknell: Iain Cracknell, ein Festgenommener, der fast jedes Wochenende betrunken auf die Wache gebracht wurde.
- Leslie: Patient in Broadmoor und Gesprächspartner von Dutton, der über Ziele und über Angst nachdachte.
- Rilling: James Rilling, US-amerikanischer Anthropologe von der Emory University, der untersucht, wie das Gehirn bei gemeinsamen Spielen arbeitet.
- Mandelkern: Eine kleine Struktur tief im Gehirn, die mit Gefühlen verbunden ist, besonders mit Angst.
- McNab: Andy McNab, ehemaliger britischer Elitesoldat, Anführer der Patrouille „Bravo Two Zero“ im Golfkrieg, später Buchautor.
- SAS: Special Air Service, die britische Spezialeinheit.
- Oosthuizen: Louis Oosthuizen, südafrikanischer Golfer, Sieger der British Open 2010.
- Kronanwalt: Ein Ehrentitel für erfahrene britische Anwälte, der im Namen des Monarchen verliehen wird.
- Kiehl: Kent Kiehl, US-amerikanischer Psychologe und Neurowissenschaftler, der das Gehirn von Häftlingen mit einem Scanner untersucht, der in einem Lastwagen eingebaut ist.
- Aharoni: Eyal Aharoni, US-amerikanischer Psychologe, der untersucht hat, wie oft Häftlinge mit unterschiedlich ausgeprägter Psychopathie einer Strafe entgangen sind.
- Cooper: Nick Cooper, britischer Neurowissenschaftler von der University of Essex, Fachmann für magnetische Hirnstimulation.
- transkranielle Magnetstimulation: Ein Verfahren, bei dem Magnetimpulse durch die Kopfhaut die Arbeit einzelner Hirnbereiche kurzzeitig verstärken oder dämpfen. Es wird in der Forschung und in der Behandlung eingesetzt.
Alle Begriffe
Ähnliche Bücher
In Livria lesen