Reise eines Naturforschers um die Welt
Charles Darwin, 1839
Fünf Jahre um die Welt auf einem kleinen Kriegsschiff. Knochen ausgestorbener Riesen in der Pampa, ein Erdbeben, das die Küste Chiles anhob, Schildkröten, die auf jeder Galápagos-Insel anders sind, und Korallenringe mitten im Ozean. Darwin zeigt, wie sich aus Hunderten Beobachtungen das Bild einer Welt zusammensetzt, die sich langsam verändert, und lehrt dich, genauso hinzusehen.
Für wen
Für alle, die Reisen und Natur lieben und sehen wollen, wie der junge Darwin lernte, das zu bemerken, woran andere vorbeigingen.
Der Reisende kann sicher sein: Abgesehen von seltenen Fällen werden ihm keine Schwierigkeiten oder Gefahren begegnen, die auch nur annähernd so schlimm sind, wie er sie sich im Voraus ausmalt.
Ein Tag, für den die Worte nicht reichten
Am 29. Februar 1832 streift ein junger Engländer zum ersten Mal allein durch den tropischen Wald bei der brasilianischen Stadt Bahia. Die Insekten zirpen so laut, dass man sie sogar auf dem Schiff hört, das Hunderte Meter vor der Küste liegt, und tief im Wald herrscht Stille. Am Abend wird er notieren, dass das Wort „Entzücken“ zu schwach ist für das, was ein Naturforscher empfindet, der zum ersten Mal in einem brasilianischen Wald steht.
Es ist Charles Darwin. Kapitän FitzRoy wollte einen Mann der Wissenschaft auf die Fahrt mitnehmen und überließ ihm sogar einen Teil seiner Kajüte. Die „Beagle“ verließ England am 27. Dezember 1831, um die Küsten Südamerikas zu vermessen und die Erde zu umrunden. Heim kehrte sie am 2. Oktober 1836, nach fast fünf Jahren. Dieses Buch ist aus dem Tagebuch jener Fahrt entstanden, und Darwin selbst hat es für gewöhnliche Leser gekürzt.
Eine fertige Theorie gibt es hier nicht. Es gibt einen Menschen, der jeden Tag schaut, vergleicht und fragt: Warum gerade hier? Warum liegen die Knochen ausgestorbener Riesen neben den Schalen von Weichtieren, die auch heute noch leben? Warum hebt sich das Land vor seinen Augen? Warum leben auf benachbarten Inseln verschiedene Schildkröten? Aus diesen Fragen wird mehr als zwanzig Jahre später „Über die Entstehung der Arten“ hervorgehen.
Vor dir liegen sieben Entdeckungen dieser Fahrt und die Gewohnheiten, die sie möglich machten. Diese Gewohnheiten kannst du übernehmen: das Offensichtliche prüfen, aufschreiben, woher etwas stammt, und nach der langsamen Ursache großer Veränderungen suchen. Wir gehen an Bord.
Ein Nashorn braucht keinen Dschungel
Patagonien, der Süden Südamerikas: dornige Büsche, braunes, trockenes Gras, auf Hunderte Kilometer fast nichts Lebendiges. Bei Punta Alta gräbt Darwin aus dem Ufer Knochen ausgestorbener Tiere von der Größe eines Elefanten. Wovon ernährten sich solche Riesen? Die Bücher seiner Zeit antworteten selbstsicher: von üppigen Wäldern, denn ein riesiges Tier braucht riesiges Grün.
Darwin schreibt, dass er diese Ansicht ohne Zögern als völlig falsch bezeichnet. Er ahnt, woher sie kommt: aus Indien, wo Elefanten, Wälder und Dschungel längst zu einem einzigen Bild verschmolzen sind. Und er prüft das Bild an Tatsachen. Der Reisende Dr. Andrew Smith erzählte ihm vom Süden Afrikas. Die Pflanzendecke ist dort nach Darwins Schätzung etwa zehnmal spärlicher als in Britannien, und Ochsenkarren fahren fast ohne Halt in jede Richtung. Und doch sah Smith auf einem einzigen Tagesmarsch hundert bis hundertfünfzig Nashörner aus drei Arten. Nach Darwins grober Überschlagsrechnung sind die zehn größten Pflanzenfresser Afrikas im Durchschnitt etwa vierundzwanzigmal schwerer als die zehn größten Südamerikas.
Der Fehler war keine Kleinigkeit. Nach Darwins Auffassung sind aus ihm Theorien plötzlicher Katastrophen erwachsen: Da Nashörner und Elefanten im Eis Sibiriens liegen, muss dort einst tropische Wärme geherrscht haben, und dann schlug das Klima jäh um. Er bestreitet nicht, dass sich das Klima verändert hat. Er zeigt etwas anderes: Was allein die Menge der Nahrung betrifft, waren keine Tropen nötig.
Alle sind sicher, dass der Kondor Aas am Geruch findet. In einem Garten in Valparaíso wickelt Darwin Fleisch in weißes Papier und geht damit drei Schritte vor den angebundenen Vögeln auf und ab: Keiner schaut hin. Er legt das Päckchen fast direkt neben ein altes Männchen, der Vogel blickt darauf und wendet sich ab. Darwin schiebt das Päckchen mit einem Stock immer näher heran, und erst als der Schnabel das Papier berührt, reißt der Vogel es auf, und die ganze Reihe beginnt mit den Flügeln zu schlagen. Einen Hund, bemerkt Darwin, könnte man so nicht täuschen.
Die Methode ist einfach und unbequem: Bevor du wiederholst, was „alle wissen“, finde heraus, worauf dieses Wissen beruht. Manchmal steckt darunter nur ein einziges eindrückliches Bild, wie der indische Dschungel.
Über den Autor
Charles Darwin (1809–1882), englischer Naturforscher, Begründer der Evolutionstheorie durch natürliche Selektion. Dieses Buch, das Tagebuch einer fünfjährigen Fahrt auf der „Beagle“, erschien zwanzig Jahre vor „Über die Entstehung der Arten“.
Alle Bücher des Autors: Charles Darwin
Begriffe aus dem Buch
- FitzRoy
- Beagle
- Naturforscher
- Smith
- Spottdrossel
- Bahia: Hafenstadt im Nordosten Brasiliens, das heutige Salvador. Hier sah Darwin zum ersten Mal einen tropischen Wald.
- Patagonien: Trockene Ebenen im Süden Südamerikas, im heutigen Argentinien und Chile.
- Punta Alta: Landspitze an der Bucht von Bahía Blanca in Argentinien, wo Darwin Knochen ausgestorbener riesiger Säugetiere fand.
- Kondor: Riesiger südamerikanischer Geier, der sich von Aas ernährt. Der Kondor, den Darwin schoss, hatte eine Flügelspannweite von etwa zweieinhalb Metern.
- Toxodon: Ausgestorbenes südamerikanisches Tier von der Größe eines Elefanten. Nach dem Bau seiner Zähne ist es mit den Nagetieren verwandt, in anderen Merkmalen ähnelt es den Dickhäutern.
- Pampa: Mit Gras bedeckte Steppenebenen in Argentinien und Uruguay.
- Niata: Seltene Rinderrasse mit kurzer Schnauze und vorstehendem Unterkiefer, der Darwin in Uruguay begegnete.
- Macrauchenia: Ausgestorbenes südamerikanisches Tier von der Größe eines Kamels, mit langem Hals. Darwin fand sein Skelett in Patagonien.
- Guanako: Wilder Verwandter des Lamas, der in den Ebenen und Bergen Südamerikas lebt.
- Capybara: Das Wasserschwein, das größte Nagetier der Erde, lebt an Flüssen und Seen Südamerikas.
- Valdivia: Stadt im Süden Chiles.
- Concepción: Stadt in Chile. Das Erdbeben vom 20. Februar 1835 zerstörte sie fast vollständig.
- Talcahuano: Hafenstadt bei Concepción, die nach dem Erdbeben von 1835 von einer Welle zerstört wurde.
- Anden: Gebirgssystem entlang des gesamten Westrands Südamerikas, das längste der Erde.
- Uspallata: Gebirgspass und Bergkette in den Anden, auf dem Weg vom argentinischen Mendoza nach Chile.
- Feuerland: Archipel ganz im Süden Südamerikas mit kaltem, regnerischem Klima.
- Button: Jemmy Button, ein Bewohner Feuerlands, den Kapitän FitzRoy nach England brachte und einige Jahre später in seine Heimat zurückführte. „Button“ heißt auf Englisch „Knopf“.
- Matthews: Richard Matthews, englischer Missionar, den man zusammen mit Jemmy Button auf Feuerland zurücklassen wollte.
- Galápagos: Vulkaninseln im Pazifik am Äquator, etwa tausend Kilometer von Ecuador entfernt.
- Lawson: Engländer, der während des Besuchs der „Beagle“ das Amt des Vizegouverneurs der Kolonie auf den Galápagos ausübte.
- Finken: Kleine Vögel mit kräftigem Schnabel. Die Galápagos-Finken wurden später zum berühmten Beispiel dafür, wie aus einer Art viele hervorgehen.
- Kernbeißer: Europäischer Singvogel mit sehr dickem, kräftigem Schnabel, mit dem er harte Kerne knackt.
- Gauchos: Hirten und Reiter der südamerikanischen Steppen.
- Dodo: Flugunfähiger Vogel von der Insel Mauritius, im 17. Jahrhundert von Menschen und eingeschleppten Tieren ausgerottet.
- Atoll: Ringförmige Koralleninsel, die eine flache Lagune umschließt.
- Polyp: Winziges Meerestier mit weichem Körper. Kolonien von Korallenpolypen bauen aus Kalk Riffe.
- Lot: Ein Gewicht an einer langen Leine, mit dem Seeleute die Tiefe messen. Unten drückte man Talg hinein, um zu erfahren, wie der Grund beschaffen ist.
- Barriereriff: Korallenriff, das in einigem Abstand an der Küste entlang verläuft und durch einen breiten, tiefen Kanal vom Land getrennt ist.
- Bora Bora: Vulkaninsel im Pazifik, von einem Barriereriff umgeben.
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