Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
Jared Diamond, 1997
Warum segelten die Spanier nach Peru und nicht die Inka nach Spanien? Jared Diamond sucht die Antwort nicht im Verstand oder Charakter der Völker, sondern in Körnern, Tieren und der Form der Kontinente. Er verfolgt die Kette vom wilden Gras bis zu Stahlschwertern und tödlichen Seuchen und zeigt, wie sich vor dreizehntausend Jahren entschied, wer einmal zum Eroberer werden würde.
Für wen
Für alle, die sich fragen, warum manche Länder reich und andere arm sind. Und für alle, die Geschichte mögen, die eine Antwort auf das „Warum“ gibt.
Oft ist die Erfindung die Mutter der Notwendigkeit, nicht umgekehrt.
Eine Frage am Strand von Neuguinea
Im Juli 1972 ging der amerikanische Biologe Jared Diamond an einem Strand auf der Insel Neuguinea spazieren, wo er Vögel erforschte. Ein einheimischer Politiker kam auf ihn zu: Yali, ein kluger und neugieriger Mann. Nach einem langen Gespräch stellte Yali eine Frage, die der Forscher danach nicht mehr vergessen konnte. Warum habt ihr Weißen so viel Cargo hergestellt und hierhergebracht, während wir Schwarzen so wenig eigenes Cargo hatten? Cargo heißt hier alles, was mit den Schiffen kam: Stahläxte, Streichhölzer, Medikamente, Kleidung, Regenschirme.
Diamond ist Physiologe, Ökologe und Geograf an der University of California in Los Angeles. Sein Buch „Arm und Reich“ erschien 1997, ein Jahr später bekam es den Pulitzerpreis. Im Buch wächst Yalis Frage zu einer Frage über die ganze Welt. Warum eroberten die Europäer Amerika und Australien, und warum segelten nicht die Inka oder die Aborigines los, um Europa zu erobern?
Die einfachste Antwort haben viele im Kopf, sprechen sie aber nicht aus: Manche Völker seien eben klüger als andere. Diamond verwirft sie von den ersten Seiten an. Seine Antwort ist eine andere: Die Geschichte der Völker verlief unterschiedlich wegen der Unterschiede in ihrer Umwelt, nicht in ihrer Biologie. Die Kontinente bekamen zum Start verschiedene Karten: andere Wildpflanzen, andere Tiere und eine andere Form des Landes.
In diesen fünfundzwanzig Minuten gehst du Diamonds Kette entlang, vom Korn eines wilden Grases bis zum spanischen Stahl. Du verstehst, wie eine Handvoll Männer ein Reich zerschlug, warum niemand je ein Zebra eingespannt hat, wozu man in Mexiko Räder an Spielzeug baute und warum China einst von sich aus auf seine Flotte verzichtete.
Hundertachtundsechzig gegen achtzigtausend
Am 16. November 1532 trafen in der peruanischen Stadt Cajamarca zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite der Spanier Francisco Pizarro und seine 168 Soldaten, abgeschnitten von jeder Hilfe. Auf der anderen Atahualpa, der Herrscher des Inkareichs, des größten und reichsten Staates Amerikas, und um ihn herum etwa achtzigtausend Krieger.
Pizarro versteckte seine Leute rund um den Platz. Als Atahualpa die ihm angebotene Bibel ablehnte und zu Boden warf, schlugen die Spanier zu: Schüsse, Trompeten, Reiter, Stahlschwerter. Die Krieger der Inka starben zu Tausenden, die Spanier verloren keinen einzigen Mann. Atahualpa geriet in Gefangenschaft. Für seine Freiheit versprach er, einen Raum mit Gold zu füllen. Die Spanier bekamen das Gold und richteten ihren Gefangenen trotzdem hin.
Diamond beginnt sein Buch mit dieser Szene, weil in ihr alle direkten Gründe für die Überlegenheit sichtbar werden. Stahl gegen Keulen aus Stein und Holz. Pferde gegen Krieger zu Fuß. Schiffe, die die Spanier über den Ozean gebracht hatten. Die Schrift: Pizarro wusste aus Aufzeichnungen, wie Cortés vor ihm den Herrscher der Azteken gefangen genommen hatte. Und dazu die Pocken, die kurz zuvor den vorigen Herrscher der Inka getötet und das Reich in einen Bürgerkrieg gestürzt hatten.
Aber warum kam es genau so und nicht umgekehrt? Warum segelte Atahualpa nicht nach Spanien und nahm den spanischen König gefangen? Das ist die eigentliche Frage des Buches, und die Antwort liegt weit weg von Cajamarca.
Über den Autor
Jared Diamond ist ein amerikanischer Physiologe, Ökologe und Geograf, Professor an der University of California in Los Angeles. Viele Jahre erforschte er die Vögel Neuguineas. Für dieses Buch erhielt er den Pulitzerpreis.
In Livria lesen