Von Jungen und Männern
Richard Reeves, 2022
Mädchen bekommen bessere Noten, Frauen schließen häufiger ein Studium ab, und Millionen Männer verlieren ihre Arbeit, ihre Familie und das Gefühl, dass sie jemand braucht. Richard Reeves, Vater von drei Söhnen und Ungleichheitsforscher, geht der Frage nach, was mit Jungen in der Schule, im Beruf und in der Familie passiert ist. Und er schlägt konkrete Schritte vor, die ihnen helfen, ohne Mädchen und Frauen etwas wegzunehmen.
Für wen
Für Eltern von Söhnen, für Lehrkräfte und für alle, die merken, dass es Jungen und Männer in ihrer Nähe schwerer haben, und verstehen wollen, warum, ohne in Vorwürfe oder Nostalgie zu verfallen.
Wir können zwei Gedanken gleichzeitig im Kopf behalten: leidenschaftlich für die Rechte der Frauen eintreten und Mitgefühl mit verletzlichen Jungen und Männern haben.
Die Jungen, nach denen niemand gefragt hat
Stell dir eine Abschlussfeier an einer Schule in einer gewöhnlichen amerikanischen Stadt vor. Die besten Schüler kommen auf die Bühne, um ihre Auszeichnungen abzuholen, und fast alle sind Mädchen. Auf der Liste derer, die den Abschluss nicht geschafft haben, stehen dagegen fast nur Jungen. Die Lehrkräfte haben sich längst daran gewöhnt und wundern sich nicht mehr.
Richard Reeves, ein Brite, der in die USA gezogen ist, hat viele Jahre lang Ungleichheit erforscht. Sein Arbeitsplatz war die Brookings Institution, eines der ältesten Forschungsinstitute Washingtons. Er schrieb über Armut, darüber, welche Kinder eine Chance haben, es weiter zu bringen als ihre Eltern, und über die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern. Und er selbst hat drei Söhne. Als Reeves anfing, Zahlen über Jungen zu sammeln, war das Bild nach seinen Worten schlimmer, als er gedacht hatte.
Sein Buch handelt davon, warum in einem Land, in dem Männer jahrhundertelang oben standen, jetzt Millionen Jungen und Männer zurückfallen: in der Schule, im Beruf und in der Familie. Reeves gibt nicht den Frauen die Schuld und ruft nicht dazu auf, in die Vergangenheit zurückzukehren. Sein Hauptgedanke ist, dass die Probleme der Männer vor allem strukturell sind. Sie lassen sich nicht auf Faulheit oder Schwäche einzelner Menschen zurückführen, und man muss sie genauso ernsthaft angehen, wie man einst die Probleme der Frauen angegangen ist.
Vor dir liegen sechs Kapitel: die Schule, die Arbeit, die Väter, die Jungen, die es doppelt trifft, der Streit über die männliche Natur und schließlich die konkreten Vorschläge des Autors. Die Zahlen im Buch sind amerikanisch, aber vieles darin erkennt man leicht im eigenen Leben wieder. Fangen wir mit der Schule an.
Jungen sind nicht dümmer, sie reifen später
1972 wurde in den USA ein Gesetz verabschiedet, das als Title IX bekannt ist: Es verbot die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts im Bildungswesen. Damals erwarben Männer einen Bachelor deutlich häufiger als Frauen, die Lücke betrug 13 Prozentpunkte. Reeves erinnert daran, dass sie Anfang der Achtzigerjahre geschlossen war. Doch bei null blieb die Lücke nicht stehen. Bis 2019 wuchs sie wieder auf 15 Punkte, nur diesmal zugunsten der Frauen.
Heute gehen 57 Prozent der Bachelorabschlüsse in den USA an Frauen. Und das ist keine amerikanische Eigenheit: In jedem Land der OECD, des Clubs der am weitesten entwickelten Volkswirtschaften der Welt, gibt es inzwischen mehr junge Frauen mit Hochschulabschluss als junge Männer. Der Rückstand beginnt lange vor der Universität. Mädchen stellen zwei Drittel der Schüler mit den besten Noten, Jungen dagegen zwei Drittel derer mit den schlechtesten.
Die übliche Erklärung lautet: Jungen sind fauler oder einfach weniger fürs Lernen gemacht. Reeves widerspricht und schaut auf das Gehirn. Der Teil des Gehirns, der für Planung, Selbstkontrolle und das Nachdenken über Folgen zuständig ist, heißt präfrontaler Cortex. Er reift bei Jungen im Durchschnitt etwa zwei Jahre später als bei Mädchen.
Stell dir zwei Äpfel an einem Ast vor. Der eine ist schon reif, der andere noch grün, obwohl er kein bisschen schlechter ist. Pflückt man beide am selben Tag, schmeckt der zweite sauer. Genau so verfährt die Schule: Sie bewertet alle Kinder eines Alters am selben Tag, obwohl die Jungen im Durchschnitt noch nicht reif sind für die Fähigkeiten, die man von ihnen erwartet.
Nach Reeves liegt das Problem weder bei den Jungen selbst noch in bösem Willen der Lehrkräfte. Das Problem ist ein Zusammenprall: Die Biologie der Jungen trifft auf eine Schule, die auf die Entwicklung von Mädchen zugeschnitten ist. Hausaufgaben, Fristen, ordentliche Hefte, die Fähigkeit, still zu sitzen und zu planen, beruhen genau auf dem Cortex, der bei Jungen hinterherhinkt. Am härtesten trifft es sie in den oberen Klassen, wenn die Noten anfangen zu entscheiden, wer aufs College kommt.
Daraus folgt der größte Fehler der Erwachsenen: späte Reife für fehlende Begabung zu halten. Ein Junge, der jahrelang hört, dass er schlechter ist, gibt sich mit der Zeit keine Mühe mehr. Reeves hat darauf eine andere Antwort, und auf sie kommen wir im letzten Kapitel zurück.
Über den Autor
Richard Reeves, britisch-amerikanischer Forscher und Journalist, arbeitete viele Jahre an der Brookings Institution in Washington und untersuchte Ungleichheit und die Chancen von Kindern, es weiter zu bringen als ihre Eltern. 2023 gründete er das American Institute for Boys and Men.
Alle Bücher des Autors: Richard Reeves
Begriffe aus dem Buch
- Baltimore
- Brookings Institution: Eines der ältesten unabhängigen Forschungsinstitute der USA, 1916 in Washington gegründet. Es untersucht Wirtschaft, Bildung und staatliche Politik.
- Title IX: Ein amerikanisches Gesetz von 1972, das Diskriminierung aufgrund des Geschlechts an Bildungseinrichtungen verbot, die Geld vom Staat bekommen.
- Bachelor: Die erste Stufe der Hochschulbildung. In den USA bekommt man den Bachelorabschluss meist nach vier Jahren an einem College oder einer Universität.
- OECD: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ein Zusammenschluss von fast vierzig Ländern mit entwickelter Wirtschaft, der Daten über sie sammelt und vergleicht.
- Präfrontaler Cortex: Der vordere Teil der Großhirnrinde. Er ist an Planung, Selbstkontrolle und der Fähigkeit beteiligt, die Folgen des eigenen Handelns vorherzusehen, und reift später als andere Hirnregionen.
- College: So heißen in den USA Hochschulen, an denen man den Bachelorabschluss erwirbt, und auch zweijährige Bildungseinrichtungen.
- Dwight: Der Patensohn von Richard Reeves, ein Autoverkäufer aus Baltimore. Seine Geschichte eröffnet das Kapitel des Buches über schwarze Jungen und Männer.
- Rosemont: Ein Viertel in West-Baltimore, in dem Dwight seine Kindheit verbrachte. Reeves nennt es einen der schlimmsten Orte des Landes für Jungen.
- Chetty: Raj Chetty, amerikanischer Ökonom aus Harvard. Seine Gruppe untersucht anhand der Daten von Millionen Familien, welche Kinder größere Chancen haben, es weiter zu bringen als ihre Eltern.
- Kalamazoo: Eine Stadt im amerikanischen Bundesstaat Michigan mit rund 75.000 Einwohnern.
- Kalamazoo Promise: Ein Programm, das 2005 mit dem Geld anonymer Spender startete: Absolventen der öffentlichen Schulen von Kalamazoo wird das Studium am College bezahlt.
- toxische Männlichkeit: Ein Ausdruck für schädliche Klischees über männliches Verhalten, etwa Aggression oder das Verbot, Gefühle zu zeigen. Reeves meint, dass man damit oft männliche Eigenschaften insgesamt beschreibt, und widerspricht dem.
- Prosozial: Auf den Nutzen für andere Menschen ausgerichtet. Prosoziale Männlichkeit bedeutet in Reeves' Buch männliche Eigenschaften, die den Menschen ringsum dienen.
- HEAL: Eine Abkürzung von Reeves: health, education, administration, literacy, also Gesundheit, Bildung, Verwaltung und Lesen und Schreiben. So nennt er die Fürsorgeberufe, in denen es wenige Männer gibt. Auf Englisch heißt heal „heilen“.
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