Der Pragmatismus. Ein neuer Name für alte Denkmethoden
William James, 1907
Eine Gruppe in den Bergen streitet sich heiser darüber, ob ein Mensch um ein Eichhörnchen herumgeht, das sich hinter einem Baumstamm vor ihm versteckt. William James löst den Streit mit einer einzigen Frage und macht daraus eine Methode für die ganze Philosophie. In acht Vorlesungen aus den Jahren 1906 und 1907 erklärt er, wie man einen leeren Streit von einem echten unterscheidet, was Wahrheit ist und warum die Zukunft der Welt auch von uns abhängt.
Für wen
Für alle, die endlose Streitgespräche satthaben und verstehen wollen, worüber Menschen eigentlich streiten. Und für alle, die noch nie Philosophie gelesen haben, aber mit einem Buch anfangen möchten, das für ein ganz gewöhnliches Publikum geschrieben wurde.
Wahrheit widerfährt einer Idee. Eine Idee wird wahr: Sie wird durch Ereignisse wahr gemacht.
Ein Professor, der nicht zu Professoren sprechen wollte
Boston, November 1906. Das Lowell Institute veranstaltet öffentliche Vorlesungen für die Bevölkerung, und ans Pult tritt William James, Professor in Harvard. Vor ihm sitzen keine Studierenden, sondern ganz gewöhnliche Zuhörerinnen und Zuhörer, und er gibt offen zu, dass das Vorhaben kühn ist: Er muss wie ein Professor reden, und es hören ihm Menschen zu, die nie Philosophie studiert haben.
Er beginnt mit dem Gedanken eines anderen. Der Schriftsteller Gilbert Chesterton hat bemerkt, dass es für eine Vermieterin wichtig ist, das Einkommen ihres Untermieters zu kennen, aber noch wichtiger, seine Philosophie zu kennen. James stimmt ihm zu: Eine Philosophie hat jeder. Sie ist kein Schulfach, sondern unser vages Gespür dafür, was das Leben eigentlich bedeutet.
Aus acht Vorlesungen ist dieses Buch entstanden. James hielt sie in Boston und wiederholte sie im Januar 1907 in New York, wohin ihn die Columbia University eingeladen hatte. James ließ sie so drucken, wie er sie gesprochen hatte. Er schlägt eine einfache Art vor, jede Idee zu prüfen, vom Streit auf einer Wanderung bis zur Frage nach Gott: fragen, was sich im Leben ändert, wenn die Idee stimmt.
Auf dich warten ein Streit über ein Eichhörnchen, ein Hotelflur, ein Pfad im Wald und ein Angebot, das du dir nach James aus dem Mund des Schöpfers der Welt vorstellen sollst. Am Ende wird klar, wie man leere Streitigkeiten von echten unterscheidet und was James Wahrheit nannte.
Eine Philosophie wählt man mit dem Charakter
Die erste Vorlesung beginnt mit einem Eingeständnis, das Philosophen gewöhnlich verschweigen. James sagt, die Geschichte der Philosophie sei zu einem großen Teil ein Zusammenprall menschlicher Temperamente. Ein Philosoph führt nur unparteiische Gründe an, aber sein Temperament zieht ihn stärker zu einem Schluss als jeder Grund. Er will eine Welt, die zu seinem Wesen passt, und glaubt an das Weltbild, das zu ihm passt.
Um das zu zeigen, schreibt James zwei Spalten auf. In der ersten stehen Zartbesaitete: Sie gehen von Prinzipien aus, glauben an die Willensfreiheit und an die Einheit der Welt und erwarten, dass alles gut ausgeht. In der zweiten stehen Hartgesottene: Sie gehen von Fakten aus, sind skeptisch, sehen die Welt als eine Menge einzelner Dinge und erwarten von ihr keinen Trost.
Aufeinander blicken diese Menschen herab. Die Hartgesottenen halten die Zartbesaiteten für sentimentale Einfaltspinsel, die Zartbesaiteten halten die Hartgesottenen für grob und gefühllos. James vergleicht das mit einer Begegnung von Bostoner Touristen mit den Leuten aus der Goldgräberstadt Cripple Creek. Doch die meisten von uns, sagt er, wollen das Gute von beiden Seiten: Fakten und Prinzipien, Wissenschaft und Glauben.
Was bietet die Philosophie so einem Menschen? Die Empiriker, die Philosophen der Erfahrung, geben ihm Wissenschaft und mit ihr den Materialismus und eine Welt ohne menschliche Hoffnungen. Die Rationalisten, die Philosophen der reinen Vernunft, geben ihm ein System mit Glauben, das aber weit weg ist von echten Freuden und Sorgen. Ein Student von James schrieb, die Welt eines Philosophieprofessors gleiche einem Marmortempel, der auf einem Hügel glänzt, während das Leben draußen vor der Tür geblieben ist, auf der Straße. James verspricht eine Philosophie, die den Fakten treu ist und die Hoffnung nicht nimmt.
Über den Autor
William James (1842–1910) war ein amerikanischer Philosoph und Psychologe, Professor an der Harvard University, Autor der „Prinzipien der Psychologie“ und der „Vielfalt religiöser Erfahrung“. Zusammen mit Charles Peirce gilt er als Begründer des Pragmatismus.
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