Müdigkeitsgesellschaft
Byung-Chul Han, 2010
Warum sind wir so müde, obwohl uns niemand zwingt? Der Philosoph Byung-Chul Han meint, dass Menschen heute nicht von einem Verbot erschöpft werden, sondern vom endlosen „Du kannst“. In diesem kurzen Buch erklärt er, wie der Mensch zu seinem eigenen Aufseher geworden ist und warum die Rettung aus der Langeweile, aus der Pause und aus einer besonderen, gemeinsamen Müdigkeit kommen kann.
Für wen
Für alle, die erschöpft sind, selbst wenn niemand etwas von ihnen verlangt. Und für alle, die wissen wollen, warum eine Welt, in der „alles möglich“ ist, so müde macht.
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass ein Mensch umso freier ist, je aktiver er ist.
Keine Kraft mehr, obwohl dich niemand gezwungen hat
Stell dir einen gewöhnlichen Abend vor. Der Chef ist längst nach Hause gegangen, niemand verlangt etwas von dir. Trotzdem hast du eine Liste im Kopf: den Bericht fertig schreiben, zum Training gehen, den Freunden antworten, ein nützliches Buch lesen. All diese Aufgaben gibst du dir selbst, ohne dass dich jemand darauf bringt. Du hast keine Kraft mehr, aber du schämst dich aufzuhören.
Der Philosoph Byung-Chul Han beginnt sein kurzes Buch mit einem einfachen Gedanken: Jede Epoche hat ihre eigenen Hauptkrankheiten. Es gab ein Zeitalter der Bakterien, und es endete mit der Erfindung der Antibiotika. Auch das Zeitalter der Viren hält Han für überwunden. Den Beginn des 21. Jahrhunderts aber bestimmen nach seinen Worten die Depression, die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, die Borderline-Persönlichkeitsstörung und das Burnout-Syndrom.
Der Hauptgedanke des Buches ist überraschend. Han meint, dass diese Krankheiten nicht von einem Feind und nicht von Verboten kommen. Sie entstehen durch ein Übermaß an „Ja“: zu viele Möglichkeiten, Aufgaben, Nachrichten und Aufrufe wie „Du kannst alles“. Han hat dafür ein eigenes Wort: Positivität. Das klingt angenehm, aber gerade sie erschöpft uns nach Ansicht des Autors stärker als jedes Verbot.
Später im Buch begegnen dir Prometheus mit dem Adler und ein wildes Tier, das nie selbstvergessen auf etwas schauen kann. Dann erscheinen ein Mensch, der aus Langeweile den Tanz erfand, und der Schreiber Bartleby mit seinem seltsamen „Ich möchte lieber nicht“. Und am Ende stehen zwei sehr verschiedene Arten von Müdigkeit, und eine davon heilt, so seltsam es klingt.
Ein Feind, vor dem keine Mauern schützen
Das 20. Jahrhundert nennt Han immunologisch, also so aufgebaut wie ein Immunsystem. Das Immunsystem teilt alles in Eigenes und Fremdes und greift das Fremde an. So lebte auch die Gesellschaft: hier die Eigenen, dort die Feinde, innen und außen. Auch der Kalte Krieg beruhte auf diesem Schema von Angriff und Abwehr, von Mauern und Grenzen. Das Fremde wurde abgewehrt, weil es fremd war, selbst wenn es keine Gefahr darstellte.
Nach demselben Schema funktioniert eine Impfung. Man bringt ein kleines Stück Fremdes in den Körper, damit er lernt, sich zu schützen. Der Mensch fügt sich freiwillig einen kleinen Schaden zu, um sich vor einem viel größeren zu retten.
Der französische Philosoph Jean Baudrillard beschrieb, wie sich das Bild des Feindes verändert hat. Zuerst ist es der Wolf, gegen den man Mauern baut. Dann die Ratte, gegen die man mit Sauberkeit kämpft. Dann der Käfer und schließlich das Virus, das sich mitten im System versteckt. Han bemerkt, dass selbst das Virus noch ein Feind ist, ein Fremder.
Han meint, dass diese Epoche zu Ende geht. Das Fremde macht keine Angst mehr, es ist zur Exotik geworden. Ein Tourist reist nicht in ein fernes Land, um sich zu verteidigen, sondern um zu schauen. Die neue Gefahr kommt von innen, aus einem Übermaß an Gleichem. Der Autor zählt ihre Quellen auf: Überproduktion, Überlastung und zu viel Kommunikation.
Baudrillard schrieb auch über die „Fettleibigkeit“ heutiger Systeme: der Information, der Kommunikation und der Produktion. Han fügt hinzu, dass es gegen Fettleibigkeit keine Immunreaktion gibt. Man kann es sich so vorstellen: Ein zusätzliches Stück Torte sieht nicht aus wie ein Feind, und der Körper stellt keine Abwehr dagegen auf, er wird einfach schwerer. Mit einer zusätzlichen E-Mail, einer zusätzlichen Aufgabe und einer zusätzlichen Folge einer Serie passiert dasselbe.
Nach den Worten von Han übt auch das Übermaß Gewalt aus, aber diese Gewalt schließt nicht aus, sondern erschöpft. Einen bewaffneten Feind sieht man von Weitem. Den Druck des Übermaßes bemerkt man kaum, denn er wächst in einer friedlichen und toleranten Gesellschaft und sieht aus wie Überfluss. Deshalb nennt Han die Krankheiten unserer Zeit nicht Infektionen, sondern Infarkte: Die Seele versagt bei Überlastung, so wie ein überlastetes Herz.
Was ändert das für dich? Die Ursache der Müdigkeit sucht man gewöhnlich außen: beim Chef, in der Stadt, bei fremden Menschen. Han schlägt vor, in die andere Richtung zu schauen. Manchmal erschöpft uns nicht das, was uns angreift, sondern das, wovon es zu viel gibt und wozu wir selbst „Ja“ sagen.
Über den Autor
Byung-Chul Han ist ein deutscher Philosoph koreanischer Herkunft. Im letzten Jahrzehnt ist er im Westen sehr bekannt geworden. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt.
Alle Bücher des Autors: Byung-Chul Han
Begriffe aus dem Buch
- ADHS
- Burnout
- Immunsystem
- Wall Street
- Nietzsche
- Sabbat
- Borderline: Borderline-Persönlichkeitsstörung: ein Zustand, in dem die Gefühle eines Menschen, seine Beziehungen zu anderen und sein Bild von sich selbst sehr instabil sind.
- Positivität: Das Wort von Han für ein Übermaß an „Ja“: an Möglichkeiten, Aufgaben, Informationen und Aufrufen „Du kannst“, denen nichts entgegensteht. Es ist ein Begriff des Autors, kein psychologischer Fachbegriff.
- Der Kalte Krieg: Die Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion mit ihren Verbündeten nach dem Zweiten Weltkrieg, die bis Anfang der 1990er-Jahre dauerte.
- Baudrillard: Jean Baudrillard, ein französischer Philosoph und Soziologe. Er schrieb darüber, wie sich das Bild des Feindes verändert hat, und über die „Fettleibigkeit“ heutiger Systeme.
- Foucault: Michel Foucault, ein französischer Philosoph. Er untersuchte, wie die Gesellschaft Menschen durch Gefängnisse, Krankenhäuser, Schulen und Kasernen lenkt.
- Disziplinargesellschaft: Eine Gesellschaft der Verbote und Befehle, wie Michel Foucault sie beschrieben hat: Gefängnisse, Kasernen, Fabriken, in denen der Mensch von außen in Schranken gehalten wird.
- Melville: Herman Melville, ein amerikanischer Schriftsteller, Autor des Romans „Moby-Dick“ und der Erzählung „Bartleby, der Schreiber“.
- Bartleby: Der Held von Herman Melvilles Erzählung „Bartleby, der Schreiber“, ein Kopist in einer Kanzlei an der Wall Street, der auf alles antwortet: „Ich möchte lieber nicht.“
- Leistungsgesellschaft: So nennt Han die heutige Gesellschaft: In ihr herrscht nicht das Verbot, sondern das Wort „Du kannst“, und jeder treibt sich selbst an. Es ist ein Begriff des Autors.
- Prometheus: Ein Held des altgriechischen Mythos. Er ist angekettet, und ein Adler frisst seine Leber, die immer wieder nachwächst.
- Selbstausbeutung: Ein Wort von Han: Ein Mensch holt das Letzte aus sich heraus, und niemand zwingt ihn dazu. Er ist sein eigener Herr und sein eigener Arbeiter.
- Ehrenberg: Alain Ehrenberg, ein französischer Soziologe, Autor des Buches „Das erschöpfte Selbst“ darüber, wie sich die Depression in der heutigen Gesellschaft ausgebreitet hat.
- Multitasking: Die Gewohnheit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun und schnell zwischen ihnen zu wechseln.
- Benjamin: Walter Benjamin, ein deutscher Philosoph und Kritiker. Er nannte die tiefe Langeweile einen Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet.
- Hyperaktivität: Hier: unruhige, fieberhafte Tätigkeit ohne Pausen, bei der ein Mensch auf jedes Signal reagiert.
- Apathie: Ein Zustand, in dem einem Menschen alles gleichgültig ist und er zu nichts Lust hat.
- Handke: Peter Handke, ein österreichischer Schriftsteller und Dramatiker. Seinen „Versuch über die Müdigkeit“ bespricht Han ausführlich im letzten Kapitel.
- Entzweiende Müdigkeit: Ein Ausdruck von Peter Handke: eine einsame Müdigkeit, bei der sich Menschen voneinander entfernen und nicht einmal miteinander reden können.
- Fundamentale Müdigkeit: Ein Ausdruck von Peter Handke: eine ruhige Müdigkeit, die den Griff des Ich lockert, den Menschen für die Welt öffnet und ihn anderen näherbringt.
- Stillleben: Ein Bild, auf dem unbewegte Dinge dargestellt sind: Blumen, Obst, Geschirr, manchmal Insekten.
- Kafka: Franz Kafka, ein Schriftsteller, Autor der Romane „Der Process“ und „Das Schloss“ und der kurzen Erzählung „Prometheus“.
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