Die Freuden des Lebens
John Lubbock, 1887
Warum läutet ein Dorf die Glocken, weil ein Roman gut ausgeht, während ein anderer Mensch sich vor einem vollen Bücherregal langweilt? John Lubbock, Wissenschaftler und Bankier im 19. Jahrhundert, antwortet: Uns fehlen nicht die Freuden, sondern die Fähigkeit, sie zu nutzen. Seine Essays über Bücher, Freunde, Zeit, Natur und Sorgen zeigen, wie man sich nimmt, was schon in Reichweite liegt.
Für wen
Für alle, denen der gewohnte Alltag arm an Eindrücken vorkommt und die die Freude an Büchern, Kunst und Natur neu entdecken wollen.
Es ist erstaunlich, wie wenig die meisten von uns von der schönen Welt sehen, in der wir leben.
Glück, gelernt von einem Mann, der zur Schwermut neigte
Bei Schul- und Universitätsfeiern musste John Lubbock oft Preise überreichen und jungen Leuten etwas mit auf den Weg geben. Er hätte über Karriere und Fleiß sprechen können. Er wählte ein anderes Thema: die Freuden und Güter, die wir schon haben. Der Grund war persönlich. Im Vorwort gesteht Lubbock, dass er in seiner Jugend zur Schwermut neigte.
Aus diesen Reden wuchs „Die Freuden des Lebens“, ein Buch in zwei Teilen. Jedes Kapitel ist ein Essay, also ein freies Nachdenken mit Beispielen. Fast jedes ist wie ein Mosaik aus Zitaten gebaut: Epiktet, Mark Aurel, Seneca, Ruskin, Dichter und Gelehrte. Kritiker warfen dem Autor vor, es gebe zu viele Zitate und zu wenig Eigenes. Lubbock nahm den Vorwurf als Kompliment und antwortete, er habe gar nicht originell sein wollen. Er habe einfach Gedanken weitergegeben, die ihn selbst getröstet hatten.
Seine Frage ist einfach: Warum bietet die Welt so viel Interessantes, und warum langweilt und quält sich der Mensch trotzdem so oft? Lubbock erinnert an ein Wort von Ruskin: Erstaunlich ist nicht, wie sehr die Menschen leiden, sondern wie viel sie versäumen. Man kann eine Bibliothek besitzen und nicht lesen. Man kann am Meer wohnen und darin nur das Wetter sehen.
Gleich kommen ein Schmied, dessentwegen die Kirchenglocken läuteten, Gefangene, die von Versen gerettet wurden, und ein Meer, das an einem einzigen Tag zu vielen verschiedenen Meeren wurde. Dazu Lubbocks Regeln über Freunde, über die Zeit und über Sorgen, die es zum größten Teil gar nicht gibt. Du schenkst diesen Gedanken schon deine Zeit, und genau damit sollte man nach seinem Rat anfangen.
Die Pflicht des Glücks: ein heiterer Freund wie ein Sonnentag
Lehrer, schreibt Lubbock, sprechen viel vom Glück der erfüllten Pflicht. Er wünscht sich, dass sie auch über etwas anderes sprechen: So entsteht sein Ausdruck „Pflicht des Glücks“. Der Grund ist einfach: Selbst glücklich zu sein ist einer der wirksamsten Beiträge zum Glück der anderen. Jeder weiß, dass ein heiterer Freund wie ein Sonnentag ist, der alle ringsum erhellt. Und aus seiner Welt, fügt der Autor hinzu, kann fast jeder sich einen Palast oder ein Gefängnis machen.
Heiterkeit kostet oft Mühe. Die Schwermut hat ihr heimliches Vergnügen: sich als Opfer des Schicksals zu sehen und Kränkungen wiederzukäuen, vor allem halb erfundene. Deshalb rät Lubbock, sich selbst fast so zu führen, wie man einen anderen führen würde. Heiter zu bleiben ist auch eine Kunst, und man kann sie lernen.
Hier ist der Autor strenger, als man es heute gewohnt ist. Er schreibt, es hänge weitgehend von uns ab, ob unser Leben glücklich wird, und ganz unglücklich habe einen Menschen noch niemand gemacht außer er selbst. Die Grenze zieht er selbst. Der heilige Bernhard behauptete, niemand könne uns schaden außer wir selbst. So weit, gibt Lubbock zu, können nur wenige gehen: Schmerz, Krankheit, Verlust und die Kälte geliebter Menschen verletzen wirklich.
Aber die meisten unserer Sorgen sind laut Lubbock anderer Art. Das Leben verdunkeln nicht die großen Kümmernisse, sondern das „kleine tägliche Sterben“, wie man es treffend genannt hat: dumme Streitereien und Missverständnisse. Er bemerkt, man sage oft von Menschen, sie hätten sich überarbeitet. In neun von zehn Fällen, meint er, hat sie in Wahrheit die Sorge zermürbt.
Über den Autor
John Lubbock war ein britischer Naturforscher, Bankier und Politiker. In „Die Freuden des Lebens“, erschienen in zwei Teilen 1887 und 1889, sammelte er Gedanken und literarische Beispiele, die ihm selbst Halt gegeben hatten.
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