Die Seele will frei sein
Michael A. Singer, 2007
In jedem Kopf läuft ein Gespräch, das keine Minute verstummt. Michael Singer, ein Ökonom, der sich für Yoga und Meditation in die Abgeschiedenheit zurückzog, stellt eine einfache Frage: Wer hört diesem Gespräch eigentlich zu? Aus der Antwort wächst ein Weg zu einem offenen Herzen, zur Freiheit von alten Dornen und zu einem Glück, das nicht von den Umständen abhängt.
Für wen
Für alle, die das Gespräch satthaben, das ohne Pause im eigenen Kopf läuft. Und für alle, die alte Kränkungen immer wieder treffen, obwohl seitdem Jahre vergangen sind.
Für echtes Wachstum gibt es nichts Wichtigeres als zu erkennen: Du bist nicht die Stimme in deinem Kopf, du bist die Instanz, die sie hört.
Eine peinliche Pause auf dem Sofa
Winter, Anfang der Siebzigerjahre, Florida. Ein junger Doktorand der Wirtschaftswissenschaften sitzt neben einem Verwandten auf dem Sofa. Das Gespräch bricht ab, eine peinliche Pause entsteht. Und da bemerkt er etwas Seltsames: In seinem Kopf sucht jemand hektisch nach etwas, das er sagen könnte, nur damit die Stille aufhört. Diese Stimme hatte sein ganzes Leben lang in ihm gesprochen, aber zum ersten Mal hörte er sie gleichsam von außen.
Der Doktorand war Michael Singer. Von diesem Abend erzählt er später ausführlich in einem Buch über sein eigenes Leben. Damals gab er die wissenschaftliche Laufbahn auf, zog sich in die Abgeschiedenheit zurück, widmete sich Yoga und Meditation und gründete 1975 in Alachua in Florida das Zentrum Temple of the Universe. 2007 erschien dieses Buch, und aus jenem Abend auf dem Sofa ist darin ein ganzes System gewachsen.
Den Kerngedanken stellt Singer ganz an den Anfang. In dir spricht ohne Ende eine Stimme, aber du hörst diese Stimme, und das heißt: Du und sie seid nicht dasselbe. Aus diesem Unterschied leitet er alles Weitere ab. Warum sich das Herz mal öffnet und mal verschließt. Woher Kränkungen kommen, die bei einem einzigen Wort anspringen. Wie man lebt, ohne sich vor dem eigenen Leben zu verstecken.
Singer spricht die Sprache von Yoga und Meditation, aber ohne Rituale und ohne die Forderung, an etwas zu glauben. Immer wieder lädt er dazu ein, das Gesagte an der eigenen Erfahrung zu prüfen. In fünfundzwanzig Minuten gehst du seinen Weg: von der Stimme im Kopf zu der Instanz, die ihr zuhört, vom verkrampften Herzen zum offenen und bis zu der Frage, die er für die wichtigste hält.
Die Stimme, die nie verstummt
Singer beginnt mit einer Beobachtung, der man kaum widersprechen kann. Im Kopf läuft ein Gespräch, und es hört nicht auf. Die Stimme kommentiert das Wetter, streitet mit einem Kollegen, der gar nicht im Raum ist, und überlegt, was sie antworten soll, falls jemand fragt. „Hoffentlich regnet es nicht.“ „Warum musste ich das sagen?“ „Na gut, darum kümmere ich mich später.“
Und falls gerade innen der Satz kam: „Welche Stimme denn? Ich habe gar keine Stimme“, dann war das, wie Singer bemerkt, genau sie.
Dann schlägt er ein einfaches Experiment vor. Sag ein paarmal hintereinander still „Hallo“ und achte darauf: Du hörst dieses Wort. Die Stimme spricht, und du hörst sie. Es gibt also innen zwei Beteiligte, obwohl wir sie ein Leben lang für einen gehalten haben.
Der Fehler liegt nach Singer darin, dass wir der Stimme aufs Wort glauben. Sie macht Angst, und wir bekommen Angst. Sie ist gekränkt, und wir sind gekränkt. Das tut sie schon so lange, dass ihr Geplapper wie unsere eigene Stimme wirkt und wie die einzige Wahrheit über die Welt.
Singer rät nicht, mit der Stimme zu streiten oder sie zum Schweigen zu zwingen. Das wäre nur ein weiterer Gedanke, ein weiterer Streit. Es reicht, ab und zu einen Schritt zurückzutreten und zu bemerken: Da spricht sie wieder. Wenn du mitten im Trubel zu dir zurückfinden willst, kannst du wieder still „Hallo“ sagen und in Ruhe hören, wie es klingt.
Über den Autor
Michael A. Singer ist ein amerikanischer Autor und Meditationslehrer. 1975 gründete er in Florida das Yoga- und Meditationszentrum Temple of the Universe. Außerdem gründete er die Firma Medical Manager, die Software für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte entwickelte.
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