Glücksfaktor Stress
Kelly McGonigal, 2015
Was, wenn nicht der Stress selbst schadet, sondern die Überzeugung, dass er schädlich ist? Die Stanford-Psychologin Kelly McGonigal lehrte jahrelang, Stress zu fürchten, bevor sie ihre Sicht überdachte. Hier findest du die Experimente, die sie umstimmten, und ihre Übungen: Aufregung in Energie verwandeln, sich auf Menschen stützen und in schwierigen Zeiten Sinn erkennen.
Für wen
Für alle, die ständig unter Anspannung leben und nicht mehr hören können, dass Stress die Gesundheit zerstört. Und für alle, die lernen möchten, sich auf ihre Aufregung zu stützen, statt gegen sie zu kämpfen.
Was dir gleichgültig ist, macht dir keine Sorgen. Und ein sinnvolles Leben ganz ohne Stress ist unmöglich.
Der Rat, von dem die Autorin abrückte
Vor einem wichtigen Gespräch klopft dein Herz, die Hände sind feucht, und du denkst nur: Ich muss mich sofort beruhigen, sonst verderbe ich alles. Jahrelang hören wir, Stress zerstöre die Gesundheit. Jede Welle der Aufregung erscheint dann wie ein kleiner Schaden, den man sich selbst zufügt.
Kelly McGonigal, Psychologin aus Stanford, sagte viele Jahre dasselbe. Sie lehrte Studierende und Leser, Stress wie eine Krankheit zu bekämpfen. Dann stieß sie auf eine Studie mit einem unbequemen Ergebnis: Stress hing am stärksten bei jenen mit frühem Tod zusammen, die von seiner Schädlichkeit überzeugt waren. Zunächst glaubte sie das nicht und begann nachzuprüfen. Daraus entstanden ihr TED-Vortrag von 2013 und das 2015 erschienene Buch.
Die zentrale Aussage klingt kühn. Stress muss nicht auf null reduziert werden. Wichtig ist auch, was du über ihn denkst. Betrachtest du ihn als Feind, bereitet sich der Körper auf eine Niederlage vor. Siehst du in ihm eine Ressource, hilft dieselbe Reaktion, dich zu sammeln, auf andere zuzugehen und etwas zu lernen.
Das ist kein Versprechen, dass Anspannung angenehm wird. Du erfährst, auf welchen Experimenten der Gedanke beruht, wo seine Grenzen liegen und was McGonigal vorschlägt, wenn die Aufregung bereits da ist.
Gefährlicher als Stress war der Gedanke daran
1998 wurden fast dreißigtausend erwachsenen Amerikanern zwei Fragen gestellt. Wie viel Stress hattest du im vergangenen Jahr? Und glaubst du, dass Stress der Gesundheit schadet? Acht Jahre später überprüften die Forscher anhand staatlicher Unterlagen, welche Teilnehmer gestorben waren.
Starker Stress hing mit einem um 43 Prozent erhöhten Risiko eines frühen Todes zusammen. Doch nur bei Menschen, die an seine Schädlichkeit glaubten. Menschen mit ebenso starkem Stress, aber ohne diese Überzeugung starben in der Studie am seltensten, sogar seltener als jene mit kaum Stress.
Hier braucht es eine ehrliche Einschränkung. Das ist eine Beobachtung, kein Experiment. Ein Zusammenhang beweist keine Ursache. Vielleicht waren Menschen, deren Gesundheit unter Stress bereits gelitten hatte, selbst zu der Überzeugung gelangt, er sei schädlich. McGonigal versteht das und sucht deshalb weiter nach Experimenten, in denen die Sichtweise gezielt verändert wurde.
Ein solches Experiment führte die Psychologin Alia Crum durch. Teilnehmer erhielten zweimal einen Milchshake. Einmal wurde er als üppige Leckerei mit 620 Kalorien beschrieben, einmal als leichtes Getränk mit 140. Tatsächlich war der Shake beide Male identisch und enthielt 380 Kalorien. Nach der „Leckerei“ sank der Spiegel des Hungerhormons Ghrelin deutlich stärker als nach dem „leichten“ Getränk. Der Körper reagierte darauf, was die Person über das Essen dachte, nicht nur darauf, was sie trank.
Für solche Überzeugungen verwendet McGonigal den Begriff innere Einstellung: eine grundlegende Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Sie gleicht einer Brille, die du erst bemerkst, wenn du sie absetzt. Durch sie deutest du einen schnellen Puls, eine schlaflose Nacht vor der Prüfung oder eine schwere Woche.
Daraus folgt der erste Schritt des Buches: die eigene Einstellung erkennen.
• Ergänze den Satz. „Stress bedeutet für mich …“ Was dir zuerst einfällt, zeigt deine Sichtweise.
• Erinnere dich an die Quelle. Woher kommt dieser Gedanke: aus Artikeln, von den Eltern, aus einer Schulung am Arbeitsplatz?
• Beobachte dein Handeln. Wenn du nervös bist, packst du die Aufgabe an oder lenkst du dich ab und schiebst sie auf?
Ein häufiger Fehler ist die Annahme, Stress könne nun ignoriert werden. Die Autorin spricht nicht davon, Schwierigkeiten zu leugnen, sondern sie anders zu betrachten.
Über den Autor
Kelly McGonigal arbeitet als Psychologin und lehrt an der Stanford University. Sie schrieb „The Willpower Instinct“ und hielt einen der beliebtesten TED-Vorträge über Stress.
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