Boomerang: Europas harte Landung
Michael Lewis, 2011
Ein Land der Fischer wurde in fünf Jahren zu einem Hedgefonds, und danach kamen auf jeden Einwohner 330.000 Dollar Bankverluste. Michael Lewis reiste durch Island, Griechenland, Irland, Deutschland und Kalifornien und sah sich an, was billiges Geld an jedem dieser Orte angerichtet hat. Dieses Buch zeigt, wie Schulden als Bumerang zurückkehren und wie du einen solchen Bumerang im eigenen Portemonnaie erkennst.
Für wen
Für alle, die Kredite aufnehmen, über einen Immobilienkauf nachdenken oder verstehen wollen, wie die Krise von 2008 von der Wall Street bis zu ganzen Ländern und ganz normalen Menschen gelangte.
Wenn du viel Geld leihst, um dir falschen Wohlstand zu schaffen, holst du die Zukunft in die Gegenwart.
Ein ganzes Land versichert für 1100 Dollar
Ende 2008 hatte der texanische Fondsmanager Kyle Bass gerade mit dem Zusammenbruch des US-Hypothekenmarkts ein Vermögen verdient. Sein Hedgefonds suchte schon nach der nächsten Wette: Bass glaubte, dass ganze Staaten pleitegehen würden. Eine Versicherung gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands kostete ihn 1100 Dollar im Jahr pro Million Dollar griechischer Schulden. Der Markt glaubte nicht, dass ein entwickeltes Land zahlungsunfähig werden kann: Seit Menschengedenken war das nicht passiert.
Lewis hörte Bass zu und hielt ihn für ein wenig verrückt. Im Sommer 2011 stand Griechenland kurz vor dem Zahlungsausfall, Irland und Portugal hatten Rettungskredite bekommen, und dieselbe Versicherung war etwa zweihundertmal so teuer geworden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lewis die Orte, an denen das Geld ausgegangen war, schon bereist: Island, Griechenland, Irland, Deutschland und Kalifornien.
Sein Hauptgedanke lautet so. Die billigen Kredite der Jahre 2002 bis 2008 waren nicht einfach Geld, sondern eine Versuchung. Ganzen Gesellschaften hat man gleichsam das Licht ausgeknipst und gesagt: „Macht, was ihr wollt, niemand sieht es.“ Jede tat, was sie wollte, und die Rechnung kam später wie ein Bumerang zurück, zu Menschen, die sie nie unterschrieben hatten.
Vor dir liegen sechs solche Geschichten, und in jeder steckt eine Lehre für dein eigenes Geld. Wir beginnen mit einer Insel, auf der Fischer zu Bankern wurden.
Der Trawlerkapitän, der über Nacht zum Devisenhändler wurde
Stefan Alfsson fuhr mit sechzehn zur See, mit dreiundzwanzig war er Kapitän eines Trawlers und galt in Island als Wunderkind der Fischerei. 2005 gab Alfsson die See auf und ging zur Bank Landsbanki, um mit Devisen zu handeln.
Lewis fragte ihn direkt: „Sie haben sieben Jahre lang das Fischen gelernt. Warum dachten Sie, man könne ohne einen einzigen Tag Ausbildung Banker werden?“ Alfsson überlegte und gab zu, dass ihm zum ersten Mal an diesem Abend die Worte fehlten.
So lebte das ganze Land: Ab 2003 wuchsen die Vermögenswerte der drei größten isländischen Banken in dreieinhalb Jahren von einigen Milliarden Dollar auf über 140 Milliarden. Ein Fondsmanager erklärte das Prinzip so: Du hast einen Hund, ich habe eine Katze, wir haben jedes Tier auf eine Milliarde geschätzt und es dem anderen verkauft. Jetzt hat jeder einen neuen Vermögenswert von einer Milliarde. Als die Banken zusammenbrachen, kamen auf jeden Einwohner des Landes etwa 330.000 Dollar Verluste.
Lewis sieht darin Selbstüberschätzung und verweist auf eine Studie von 2001, die die Geschäfte von 35.000 Haushalten untersuchte: Männer handelten öfter mit Aktien als Frauen, und zwar schlechter, weil sie ihrem eigenen Urteil zu sehr vertrauten. In den riskanten Positionen der isländischen Banken gab es, wie Lewis beobachtete, fast keine Frauen. Die einzige Frau in einer hohen Position, Kristin Pétursdóttir, ging 2006 und gründete ihre eigene Firma, die nach dem Crash eine der wenigen profitablen blieb.
Daraus folgt eine Frage, die du dir vor jedem Geldgeschäft stellen solltest: Warum klappt das bei mir plötzlich so gut, obwohl es mir nie jemand beigebracht hat? Und wenn der Gewinn nur darauf beruht, dass alle ringsum ebenfalls kaufen, ist das kein Talent, sondern ein Tausch von Katze gegen Hund.
Über den Autor
Michael Lewis ist ein amerikanischer Finanzjournalist, früher Anleiheverkäufer an der Wall Street, und Autor der Bücher „Liar’s Poker“, „Moneyball“ und „The Big Short“. Er erklärt Geld anhand der Geschichten von Menschen.
Alle Bücher des Autors: Michael Lewis
Begriffe aus dem Buch
- Hedgefonds
- Zahlungsausfall
- Kelly
- Anleihen
- Bass: Kyle Bass ist ein amerikanischer Hedgefondsmanager von Hayman Capital aus Dallas. Er verdiente am Zusammenbruch des US-Hypothekenmarkts 2008 und setzte als einer der Ersten auf Zahlungsausfälle europäischer Staaten.
- Alfsson: Stefan Alfsson ist ein isländischer Trawlerkapitän, der 2005 in eine Bank wechselte, um mit Devisen zu handeln. Einer der Helden in Lewis’ Kapitel über Island.
- Landsbanki: Eine der drei größten Banken Islands, die im Herbst 2008 zusammenbrachen.
- Pétursdóttir: Kristin Pétursdóttir ist eine isländische Finanzexpertin und war stellvertretende Geschäftsführerin der Bank Kaupthing in London. 2006 ging sie und gründete eine Finanzfirma, die von Frauen geführt wurde.
- Krone: Die isländische Krone ist die Landeswährung Islands. Im Herbst 2008 verlor sie drastisch an Wert.
- Papaconstantinou: George Papaconstantinou war ab Oktober 2009 Finanzminister Griechenlands. Er deckte die wahre Höhe des Haushaltsdefizits auf.
- BIP: Das Bruttoinlandsprodukt ist der Wert von allem, was ein Land in einem Jahr herstellt. Schulden und Defizite von Staaten werden oft in Prozent davon gemessen.
- Blase: Ein Zustand des Marktes, in dem Preise nicht wegen des Nutzens einer Ware steigen, sondern weil alle erwarten, dass sie weiter steigen. Er endet meist mit einem Einbruch.
- IKB: Eine Bank aus Düsseldorf. In den 2000er-Jahren wurde sie zu einem der größten Käufer amerikanischer Hypothekenanleihen. 2007 musste sie gerettet werden.
- Röthig: Dirk Röthig ist ein ehemaliger Mitarbeiter der IKB und erdachte das Modell, mit dem sie amerikanische Anleihen kaufte. 2005 warnte er die Führung vor dem wachsenden Risiko und verließ die Bank.
- Subprime-Kredite: Kredite an Schuldner mit schlechter Kreditgeschichte oder niedrigem Einkommen; das englische subprime heißt etwa „zweitklassig“. Dass sie in den USA massenhaft nicht zurückgezahlt wurden, löste die Krise von 2008 aus.
- Bestnote: Die Bewertung „AAA“ einer Ratingagentur, also dreifach A. Sie bedeutet, dass das Risiko, das Geld nicht zurückzubekommen, minimal ist.
- San Jose: Eine Stadt in Kalifornien, im Silicon Valley, und eine der reichsten der USA.
- Vallejo: Eine Stadt in Kalifornien an der Bucht von San Francisco, die 2008 ihren Bankrott erklärte.
- Whybrow: Peter Whybrow ist ein britischer Neurowissenschaftler an der University of California in Los Angeles und Autor des Buchs „American Mania“ darüber, wie Überfluss das Verhalten von Menschen beeinflusst.
- Henry: Ein Fasan aus dem Garten von Blenheim Palace in England und Held von Whybrows Gleichnis: Er wurde so dick, dass er nicht mehr auffliegen konnte, und ein Fuchs fraß ihn.
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