Das Gehirn eines Buddha. Die angewandte Neurowissenschaft von Glück, Liebe und Weisheit
Rick Hanson, Richard Mendius, 2009
Eine einzige kritische Bemerkung bleibt länger im Gedächtnis als zehn freundliche Worte. Das ist kein Zufall. Der Neuropsychologe Rick Hanson und der Neurologe Richard Mendius erklären, warum unser auf Überleben ausgerichtetes Gehirn so leicht am Schlechten hängen bleibt. Sie verbinden Erkenntnisse über das Gehirn mit buddhistischen Übungen und zeigen, wie wenige Sekunden Aufmerksamkeit am Tag das Gehirn allmählich in Richtung Ruhe, Freundlichkeit und Klarheit verändern.
Für wen
Für alle, denen auffällt, dass Schlechtes lange im Kopf bleibt, während Gutes schon am Abend vergessen ist. Und für alle, die wissen möchten, wie das Gehirn funktioniert und was Neurobiologie mit Meditation verbindet.
Nur wir Menschen sorgen uns um die Zukunft, bereuen die Vergangenheit und machen uns Vorwürfe wegen der Gegenwart.
Taxifahrer, deren Hippocampus wuchs
Londoner Taxifahrer müssen unzählige verwinkelte Straßen einer riesigen Stadt im Kopf behalten. Forschende untersuchten ihr Gehirn und fanden einen vergrößerten Hippocampus, jenen Bereich, der bei der räumlichen Orientierung hilft. Bei ihnen wurde dieser Bereich einfach stärker trainiert als bei anderen Menschen und wuchs deshalb.
Mit dieser Geschichte beginnt der Gedanke, auf dem das ganze Buch beruht. Geschrieben haben es der Neuropsychologe Rick Hanson und der Neurologe Richard Mendius. Sie verbinden Erkenntnisse über die Arbeitsweise des Gehirns mit buddhistischen Übungen, die kontemplativ Praktizierende seit mehr als zweitausend Jahren verfeinern. Hanson nennt diese Menschen Olympiasieger des Geistestrainings. Der Buddhismus ruht auf drei Säulen: Tugend, Achtsamkeit und Weisheit. Die Autoren zeigen die Gehirnmechanismen, auf die sich jede davon stützt.
Die Grundregel des Buchs formulierte schon 1949 der Psychologe Donald Hebb: Nervenzellen, die gemeinsam aktiv werden, verbinden sich miteinander. Worauf du deine Aufmerksamkeit immer wieder richtest, hinterlässt Spuren im Gehirn wie Frühlingsregen auf weicher Erde. Du kannst also mit dem Geist allmählich das Gehirn verändern und dadurch dein Leben.
Im Buch begegnen dir eine Schlange, die ein Ast war, zwei Pfeile, verstreute Kindersachen, zwei Wölfe im Herzen und vergessene Milch. Jede Geschichte erklärt, warum das Gehirn so leicht am Schlechten hängen bleibt und was du täglich für einige Sekunden dagegen tun kannst.
Die Schlange auf dem Weg, die nur ein Ast war
Hanson lädt dich zu einem gedanklichen Waldspaziergang ein. Der Pfad biegt ab, direkt vor deinen Füßen liegt etwas Gekrümmtes. Eine Sekunde später springst du zur Seite, noch bevor du denken kannst. Erst danach prüft der Gehirnbereich hinter der Stirn, der für Pläne und Überlegungen zuständig ist, in Ruhe: Das Ding bewegt sich nicht, es ist nur ein Ast. Präfrontaler Kortex heißt dieser Bereich.
So funktioniert die alte Alarmanlage. Der Hippocampus hat die Umrisse mit seiner Gefahrenliste abgeglichen, die Amygdala tief im Gehirn hat Alarm ausgelöst. Hanson beschreibt unser Gehirn als „Eidechse, Eichhörnchen und Affe“ in einem Kopf. Unter dem jüngsten Teil arbeiten Schichten, die von viel älteren Tieren stammen. Sie formen unsere Reaktionen von unten nach oben, bevor wir zum Nachdenken kommen.
Warum ist dieses System so schreckhaft? Hanson erklärt es mit Zuckerbrot und Peitsche. Unsere Vorfahren mussten täglich entscheiden: nach dem Zuckerbrot greifen oder der Peitsche ausweichen. Wer das Zuckerbrot verpasst, bekommt morgen eine neue Chance. Wer die Peitsche übersieht, etwa ein Raubtier, bekommt nie wieder Zuckerbrot. Die Wachsamsten überlebten, und ihr Gehirn haben wir geerbt.
Darum wiegt die Peitsche in unserem Kopf schwerer als das Zuckerbrot. Das ist weder ein Defekt noch Charakterschwäche, sondern eine Einstellung, die einst Leben rettete. Die Bedingungen haben sich seither stark verändert, die Einstellung ist geblieben.
Über den Autor
Rick Hanson ist ein amerikanischer Neuropsychologe und Meditationslehrer. Richard Mendius ist Neurologe, sein Mitautor und Lehrpartner. Gemeinsam gründeten sie das Institut für Neurowissenschaft und kontemplative Weisheit.
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