Sexualität, ich und die Gesellschaft
Susan Rahman, Nathan Bowman, Damitra Jackson, 2022
Warum fällt es so schwer, über Sex zu sprechen, selbst mit dem nächsten Menschen? Die Soziologieprofessorin Susan Rahman und ihre Mitautoren zeigen, dass vieles von dem, was wir für „normal“ halten, uns die Kultur vorgegeben hat, und das nicht selten mit Fehlern. Dies ist ein Buch über Mythen und Körper, über Fantasien, Zustimmung und Begehren, das sich mit den Jahren verändert. Es handelt von zwei Fähigkeiten, die dabei helfen: ein ehrliches Gespräch und Selbstliebe.
Für wen
Für Erwachsene, die sich weniger für ihren Körper und ihre Wünsche schämen wollen, mit einem nahestehenden Menschen freier über Sex sprechen möchten und Mythen von dem unterscheiden wollen, was tatsächlich bekannt ist.
Um das zu bitten, was man will, ist radikale Selbstliebe, und außerdem macht es dich viel attraktiver.
Ein kleiner Spiegel vor der ersten Stunde
Ihren Kurs über die menschliche Sexualität beginnt Susan Rahman nicht mit einer Vorlesung, sondern mit einer kleinen Aufgabe. Man nimmt einen kleinen Spiegel und sucht sich einen ruhigen Ort, an dem niemand stört. Danach hat man die Wahl. Man kann in Ruhe die eigenen Geschlechtsorgane betrachten und prüfen, ob man weiß, wie jeder Teil heißt. Man kann in den Spiegel schauen und sich sagen, was man an sich liebt. Man kann aber auch beides tun. Abgeben muss man nichts: Zwei oder drei Zeilen darüber, wie es war, bleiben nur bei dir.
Die auf den ersten Blick seltsame Aufgabe erklärt das ganze Buch. Rahman unterrichtet diesen Kurs seit 2011, sie ist Professorin für Soziologie in Nordkalifornien. Im Jahr 2022 veröffentlichte sie zusammen mit Mitautoren ein Lehrbuch, das für alle offen steht. Ihr Grundgedanke ist einfach: Um Körper und Sex gibt es zu viel Scham, und diese Scham hält sich vor allem durch Mythen und falsche Informationen. Wir verbringen, so die Autoren, zu viel Zeit damit, uns selbst zu kritisieren, obwohl wir uns lieber freuen würden.
Das Buch ruht auf zwei Themen. Das erste ist das ehrliche Gespräch, mit sich selbst und mit dem nahestehenden Menschen. Der einzige sichere Weg, herauszufinden, ob der andere Nähe will, ist nach Ansicht der Autoren, zu reden und sich zu vergewissern, dass das Verlangen gegenseitig ist. Das zweite Thema ist die Annahme des eigenen Körpers, die Rahman radikale Selbstliebe nennt. Und das Fazit: Es gibt nicht den einen richtigen Weg, sexuell zu sein.
Du erfährst, wer schon lange vor dem ersten Date dein sexuelles Skript schreibt, welche Mythen dem Vergnügen im Weg stehen und was die Forschung dazu sagt. Du lernst, wie man einem nahestehenden Menschen von Wünschen und Fantasien erzählt, was Zustimmung wirklich ist und warum sich das Verlangen mit den Jahren ändert, aber nicht verschwindet. Wir beginnen damit, woher unsere Vorstellungen vom „Normalen“ kommen.
Das Drehbuch, das vor dir geschrieben wurde
Im Jahr 1995 schrieb Susan Rahman ihre Masterarbeit und befragte 1200 Studierende einer Universität in Nordkalifornien. Sie wollte wissen, was ihnen zu Hause über Sex erzählt worden war. Ihre Vermutung war: Jungen und Mädchen hören von den Eltern ganz Verschiedenes. Die Befragung bestätigte es. Insgesamt sprachen die Eltern wenig über Sex, und wenn sie es taten, hing es vom Geschlecht des Kindes ab. Den Söhnen wurde zu verstehen gegeben, dass sie losziehen und Erfahrungen sammeln sollen. Einem Studenten erklärte der Vater kurz den Geschlechtsverkehr, und zwei Monate später brachte er ihn zu einer Prostituierten. Die Töchter lernten, ihren Körper zu hüten und keine flüchtigen Beziehungen einzugehen. Eine Studentin schrieb, sie würde ihre Mutter gern nach Sex fragen, traue sich aber nicht: Wenn die Eltern erführen, dass sie nicht mehr Jungfrau ist, würde man sie aus der Familie werfen.
So funktioniert die Doppelmoral, wie die Autoren sie nennen: Dasselbe Verhalten wird einem Geschlecht erlaubt oder sogar gelobt und dem anderen verboten. Wichtiger ist aber etwas anderes. Jeder dieser Studierenden verließ das Elternhaus mit einem fertigen Skript. Ein sexuelles Skript meint im Buch eine Reihe ungeschriebener Regeln: wer den ersten Schritt macht, was man wollen darf, wie alles aussehen soll. Man lernt es wie eine Rolle im Theaterstück. Die Stichworte geben Familie und Schule vor, dazu Freunde, Religion und Medien, und das Skript wird gelernt, nicht bei der Geburt mitgegeben.
Wie verschieden es geschrieben werden kann, zeigen zwei Inseln, die Anthropologen vor mehr als einem halben Jahrhundert beschrieben. Auf der irischen Insel Inis Beag zogen sich selbst Ehepaare während der Liebe nicht die Unterwäsche aus, und die Männer glaubten, Sex schade der Gesundheit, und mieden ihn vor schwerer Arbeit. Auf der Insel Mangaia im Pazifik galt Sex als Vergnügen und zugleich als Fortpflanzung, und Jugendliche bekamen von Erwachsenen ausführliche Sexualkunde. Die Autoren schränken ein, dass das Leben dort heute wohl anders aussieht. Aber die Menschen sind dieselben, und die Regeln sind gegensätzlich.
Was folgt daraus für ein Paar? Wenn zwei Menschen mit verschiedenen Skripten zusammenkommen, müssen sie, wie Rahman schreibt, vieles umlernen. Der typische Fehler besteht darin, das eigene Skript für die Natur zu halten und das des Partners für eine Seltsamkeit. Der erste Schritt, den die Autoren vorschlagen, ist einfach: sich erinnern, was man als Kind über Sex gehört hat, auch durch Schweigen, und sich fragen, ob einen diese Botschaften heute unterstützen oder behindern.
Über den Autor
Susan Rahman unterrichtet seit 2011 den Kurs „Menschliche Sexualität“ und ist Professorin für Soziologie und Verhaltenswissenschaften in Nordkalifornien. Das Buch schrieb sie zusammen mit Nathan Bowman, Damitra Jackson, Anna Lushtak, Remi Newman und Pratik Sander. Das Original wurde unter der Lizenz CC BY 4.0 frei zugänglich veröffentlicht.
Alle Bücher des Autors: Susan Rahman, Nathan Bowman, Damitra Jackson
Begriffe aus dem Buch
- Johnson
- Doppelmoral
- O’Connell
- Gottman
- sexuelles Skript: So nennen die Autoren die ungeschriebenen Regeln über Sex, die wir seit der Kindheit verinnerlichen: wer das Verlangen zeigt, was man wollen darf und wie alles aussehen soll. Das ist ein Rahmen zum Verstehen, keine Diagnose.
- Inis Beag: Kleine Insel vor der Küste Irlands. Anthropologen beschrieben sie in den 1960er- und 1970er-Jahren als Beispiel für sehr strenge Regeln über Sex.
- Mangaia: Insel im südlichen Pazifik, eine der Cookinseln. Der Anthropologe Donald Marshall beschrieb sie als Beispiel für einen sehr offenen Umgang mit Sex.
- Klitoris: Organ der Lust bei Menschen mit Vulva. Von außen ist nur seine Spitze sichtbar, der Hauptteil aus Schwellkörpergewebe liegt unter der Haut.
- Jungfernhäutchen: Dünne Membran am Scheideneingang. Schon von Geburt an verschließt sie den Eingang nur teilweise, und man kann daran nicht erkennen, ob es Sex gegeben hat.
- Masters: William Masters (1915–2001), amerikanischer Forscher, der zusammen mit Virginia Johnson im Labor untersuchte, wie der Körper auf sexuelle Erregung reagiert.
- Vulva: Äußere weibliche Geschlechtsorgane: Schamhügel, große und kleine Schamlippen, Klitoris und Scheideneingang.
- Lorde: Audre Lorde (1934–1992), amerikanische Dichterin, Schriftstellerin und Aktivistin. Erotisch nannte sie das Gefühl der Fülle im Leben, nicht nur das Sexuelle.
- Interozeption: Wahrnehmung der Empfindungen im eigenen Körper: Herzschlag, Anspannung, Erregung.
- Lehmiller: Justin Lehmiller, amerikanischer Forscher des sexuellen Verhaltens, Autor des Buches „Tell Me What You Want“ (2018) über die Wissenschaft sexueller Wünsche.
- Harel: Daniel Harel, Doktor, Mitbegründer des Instituts Somatica, das Trainer für Sex und Beziehungen ausbildet. Zusammen mit Celeste Hirshman schrieb er das Buch „Making Love Real“.
- Hirshman: Celeste Hirshman, Mitbegründerin des Instituts Somatica und Mitautorin von „Making Love Real“ zusammen mit Daniel Harel.
- sexuelle Nötigung: Versuch, Sex durch Druck, Überredung, Schuldgefühle, Alkohol oder Gewalt zu erreichen, auch nach einer Ablehnung.
- Planned Parenthood: Amerikanische gemeinnützige Organisation, die sich um reproduktive Gesundheit und sexuelle Aufklärung kümmert. Ihre Grundlagen legte Margaret Sanger, die 1916 die erste Klinik eröffnete.
- Garcia: Juliana Garcia, Mutter, die für das Buch ihre Geschichten über das Muttersein teilte und darüber, wie sie ihren Sohn Zustimmung lehrt.
- Menopause: Ende der Menstruation. Sie gilt als eingetreten, wenn zwölf Monate ohne Periode vergangen sind, und tritt im Durchschnitt um das 51. Lebensjahr ein.
- AIDS: Erworbenes Immunschwächesyndrom, das sich ohne Behandlung aus einer HIV-Infektion entwickeln kann. Heute wird HIV behandelt, und Menschen mit HIV leben lange.
- erektile Dysfunktion: Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen oder zu halten. Sie hängen meist mit Krankheiten zusammen, die den Blutfluss stören.
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