Wenn Genies scheitern. Aufstieg und Fall von Long-Term Capital Management
Roger Lowenstein, 2000
Wie konnte ein Fonds mit zwei Nobelpreisträgern im Team innerhalb weniger Wochen fast alles verlieren? Roger Lowenstein rekonstruiert die Geschichte von Long-Term Capital Management anhand interner Unterlagen und Interviews: von den glänzenden Jahren bis zur Rettung, die die Federal Reserve organisieren musste. Es geht um Fremdkapitalhebel, um Modelle, die nur die Vergangenheit sehen, und darum, warum Intelligenz und Ansehen nicht vor Risiken schützen.
Für wen
Für alle, die Geld anlegen, Kredite aufnehmen oder einfach verstehen wollen, warum Krisen selbst die Klügsten überraschen. Und für alle, die Berechnungen eher vertrauen als Zweifeln.
Wer mit dreißig Meilen pro Stunde fährt, kann der Straße die Schuld geben, wenn sein Wagen auf Eis ins Schleudern gerät. Wer mit hundert Meilen pro Stunde rast, kann das nicht.
Banker retten in den Räumen der Notenbank einen fremden Fonds
Am 23. September 1998 versammelten sich die Chefs der größten Wall-Street-Banken im Gebäude der Federal Reserve Bank of New York. Man hatte sie weder wegen eines Krieges noch wegen eines Börsencrashs einbestellt. Es ging um einen einzigen privaten Fonds aus Greenwich, einem ruhigen Vorort von New York. Der Fonds hieß Long-Term Capital Management und hatte binnen weniger Wochen fast sein gesamtes Geld verloren. Das Problem war, dass er genau diesen Banken so hohe Summen schuldete, dass sein Zusammenbruch den ganzen Markt mitreißen konnte.
Roger Lowenstein, Finanzjournalist, Biograf von Warren Buffett und langjähriger Autor des Wall Street Journal, rekonstruierte diese Geschichte anhand interner Unterlagen des Fonds und Dutzender Interviews. Das Buch erschien 2000, zwei Jahre nach dem Zusammenbruch. Seitdem gilt es als eine der wichtigsten Geschichten über Risiken an der Wall Street.
Die zentrale Frage des Buches klingt beinahe ungehörig. Wie konnten Menschen, die als die Klügsten der Finanzwelt galten und zwei Nobelpreisträger im Team hatten, sich so sehr irren? Lowenstein sucht die Antwort nicht nur in Formeln. Seiner Ansicht nach brachten der Charakter der Partner, ihr Vertrauen in die eigene Mathematik und die Kultur der Wall Street, die ihnen bereitwillig Geld gab, den Fonds zu Fall.
Du erfährst, wie man mit fast identischen Anleihen Geld verdiente, warum ein kleiner Fehler bei gewaltigen Schulden tödlich wird und was die Modelle am wirklichen Markt übersahen. Es ist eine Geschichte über große Geldsummen, doch ihre Lehre betrifft jeden, der jemals ein Risiko eingegangen ist.
Professoren am Handelstisch
In den 1980er-Jahren leitete John Meriwether die Anleihearbitrage bei der Investmentbank Salomon Brothers. Eine Anleihe ist ein Schuldschein: Ein Staat oder Unternehmen leiht sich Geld und verspricht, es mit Zinsen zurückzuzahlen. Arbitrage ist das Geschäft mit kleinen Preisabweichungen. Man kauft, was etwas billiger ist, als es sein sollte, verkauft, was etwas zu teuer ist, und wartet, bis der Unterschied verschwindet.
Meriwether setzte auf etwas Ungewöhnliches. Statt lautstarker Händler, die ihrer Intuition folgten, stellte er junge promovierte Wissenschaftler ein, die mathematische Modelle entwickeln konnten. Sie betrachteten den Markt als Aufgabe: Wenn zwei Wertpapiere im Kern gleich sind, müssen sich ihre Preise annähern. Finde die Abweichung, berechne sie, und das Geld kommt von selbst.
Die Gruppe brachte der Bank enorme Gewinne, und ihre Mitglieder erhielten Boni, um die sie ganz Salomon beneidete. Lowenstein beschreibt, wie das die anderen verärgerte: Die Wissenschaftler blieben unter sich und teilten wenig. Innerhalb der Bank entstand eine Kaste, die von ihrer Überlegenheit überzeugt war.
Meriwether selbst war ein stiller, zurückhaltender Mensch, der die Presse nicht mochte, aber Loyalität wecken konnte. Sein Team wäre ihm überallhin gefolgt. Diese Treue wurde zum wichtigsten Kapital des späteren Fonds. Man kann sie jedoch auch anders betrachten: In einem derart eingeschworenen Team gab es kaum jemanden, der „Stopp“ sagen konnte.
Über den Autor
Roger Lowenstein ist ein amerikanischer Finanzjournalist, der viele Jahre für das Wall Street Journal schrieb. Er verfasste eine Biografie von Warren Buffett und mehrere Bücher über Krisen an der Wall Street.
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